Sonntags-Zeitung







In Opposition

Als Oppositionsblatt ist die Sonntags-Zeitung gegründet und bisher geführt worden, und sie gedenkt auch darin zu verharren. Sie opponiert, kurz gesagt, gegen die herrschende Richtung im gesamten öffentlichen Leben des Vaterlandes, in Presse, Politik, Wirtschaft und sogenannter „Kultur“, die man unter Schlagworten wie Nationalismus, Kapitalismus, Klerikalismus und dergleichen zu verstehen pflegt. Sie wehrt sich gegen diese Mächte nicht, wie liebenswürdige Leser und vor allem Nichtleser oft behaupten, aus purer mefistofelischer Freude am Verneinen, am Schimpfen und Schlechtmachen; sondern weil ihr Herausgeber von deren Verlogenheit, Gemeinheit und Dummheit täglich greifbare Beweise vor sich hat und dem Bedürfnis nicht zu widerstehen vermag, dem Ausdruck zu verleihen. Sobald die Welt, in der ich lebe, vernünftig, anständig und wahrhaftig zu werden anfängt, werde ich die Sonntags-Zeitung eingehen lassen und dafür Erbauungsschriften herausgeben.
Manche Beurteiler, und zwar gerade freundlich gesinnte, finden nun, es sei verkehrt, wenn man sich innerhalb der Oppositionsfront, die sich politisch als „Linke“ zu bezeichnen pflegt, nicht einer bestimmten Parteirichtung anschließe und für diese wirke. Es ist etwas daran, und die laue Gleichgültigkeit oder feige Heuchelei, die sich so gerne als ein „über den Parteien-Stehen“ gebärdet, ist auch mir in der Seele zuwider. Wer seinem Volk und seiner Zeit etwas sagen will, darf sich nicht scheuen, Partei zu ergreifen, auch auf die Gefahr hin, einmal daneben zu hauen. Aber ich habe meine guten Gründe, wenn ich kein Parteimann im engeren Sinne bin und meine Zeitung keiner der mir von Fall zu Fall nahestehenden Linksparteien verschreibe, auch der sozialdemokratischen nicht, à la suite deren ich mich bei Wahlen und dergleichen zu finden pflege. Zu den mir widerwärtigen öffentlichen Unsitten gehört nämlich eine, die auch auf der linken Seite stark verbreitet ist, und die ich den Parteigeist - im schlimmen Sinne - nennen möchte: daß man im eigenen Lager alles schön und gut und im gegnerischen alles böse und schlecht finden muß. Es ist dasselbe, was unseren sogenannten Patriotismus so lächerlich und verbohrt erscheinen läßt; was den Kampf der Klassen verfälscht; was die Auseinandersetzung der Konfessionen und Weltanschauungen vergiftet. Ich mag da nicht mitmachen. Ich halte es für keinen Verrat des eigenen Lagers, wenn man auch einmal eine Persönlichkeit oder eine Handlung des gegnerischen versteht oder billigt; und für kein Beschmutzen des eigenen Nestes, wenn man Unsauberkeiten, die sich in diesem vorfinden, beseitigt oder schwache Stellen in ihm kritisiert. Ich halte das nicht etwa für schädlich, sondern sogar für notwendig.
Und ich kann mir diese Haltung umsomehr gestatten, als ich ja nicht darauf aus bin, Anhänger um mich zu scharen, einen Klüngel oder eine „Gemeinde“, wie die Profeten lieber sagen, zu sammeln. Ich stehe auf eigenen Füßen und möchte auch die anderen Menschen um mich her gerne auf solchen stehen sehen. Ich bin keineswegs des Glaubens, daß ich im Besitz der alleinigen und patentierten Wahrheit sei. Ich möchte haben, daß auch die anderen, wie ich, nach der Wahrheit suchen, sie aber dabei gerne ihren eigenen Weg gehen lassen. Ich hoffe, der Inhalt dieser Zeitung wird so verstanden. Meine Leser sollen nicht von der Unfehlbarkeit, nur vom guten Willen ihrer Zeitung überzeugt sein. Ich will, daß sie auch diese prüfen, daß sie nachdenken über das, was darin steht; nicht etwa, daß sie, wie der Stammtischbruder auf sein Leibblatt, darauf schwören sollen. Wenn mancher, der eben auch gerne geführt sein möchte, in der Sonntags-Zeitung das ersehnte Leitseil nicht findet: dem kann ich nicht helfen, für den bin ich nicht da, er möge sich ein Parteiblatt kaufen.
Daß ich damit den Kreis der Leser zu meinem eigenen Nachteil einschränke, weiß ich. Und leider sind unter denen, die in seinem Bezirke liegen, auch noch manche, auf die ich, offen gestanden, keinen sehr großen Wert lege. Diejenigen nämlich, denen es im Grunde nicht Ernst ist; die sich mit der Lektüre dieser Zeitung bloß amüsieren wollen. Die Allesbesserwisser, die Blasierten, die „Intellektuellen“. Ihre Ansprüche an „Geistigkeit“ vermag ich nicht zu befriedigen, und mag es auch nicht. Der Leser, den ich am liebsten habe, ist der einfache, der unverbildete „Mann auf der Straße“. Und es ist meine und meiner Mitarbeiter Unzulänglichkeit, wenn die Zeitung nicht immer so geschrieben ist, daß er ihren Inhalt aufzufassen vermag. Es ist nämlich für unsereinen, der sich den Jargon der sogenannten „Gebildeten“ angewöhnt hat, gar nicht so einfach, ein gutes Deutsch ohne Fremdwörter zu schreiben. In diesem Punkt, dem der Gemeinverständlichkeit, sollte es mit der Sonntags-Zeitung noch besser werden.
1926, 52                Sch.




Geschichte der Sonntags-Zeitung

AGATHE KUNZE-SCHAIRER

Auflage und Verbreitung der Sonntags-Zeitung

Die "Sonntags-Zeitung" bestand nur aus einem Doppelblatt im sogenannten "Berliner Format". Ihre Leserschaft setzte sich aus Lehrern, Ärzten, Rechtsanwälten, Ingenieuren, Fabrikanten, selbständigen Handwerkern, Facharbeitern, Bauern, Angestellten, Beamten und künstlerisch Tätigen zusammen. Und, obwohl die "Sonntags-Zeitung" aus ihrer antikirchlichen Einstellung nie einen Hehl machte, ja sogar immer wieder zum Austritt aus der Kirche aufforderte, waren auch eine ganze Anzahl Pfarrer unter den Abonnenten.
Man kann also sagen, daß die "Sonntags-Zeitung" in allen Schichten der Bevölkerung gelesen wurde und zwar nicht lokal süddeutsch geordnet, wie man nach ihrem Erscheinungsort Stuttgart annehmen könnte, sondern in ganz Deutschland, hauptsächlich in den Großstädten. Zwei Drittel der Auflage gingen nach Norddeutschland, vor allem nach Hamburg, Berlin, Leipzig, Magdeburg, Köln - die Dichte der Verbreitung in der Reihenfolge der genannten Städte.
Vom letzten Drittel der Auflage in Süddeutschland entfiel der größte Teil auf Stuttgart, auch Mannheim war gut vertreten, der Rest ging nach der württembergisch-badischen Südwestecke; in Bayern gab es kaum Leser.
Daß die aufklärende und volksbildnerische Tendenz der "Sonntags-Zeitung" eine Wirkung hatte und das Blatt Resonanz unter seinen Lesern fand, zeigt die Auflagensteigerung. Die erste Auflage im Jahr 1920 betrug 2000 Stück. Dann wuchs sie langsam aber stetig, mit Ausnahme von Stockungen in der Inflationszeit 1922—23 und 1926—27 und hatte ihren Höhepunkt im Jahr 1932 mit rund 8000 Exemplaren. Interessant ist, daß die Auflage während der Nazizeit, nach dem ersten Rückgang in den Jahren 1933 und 1934, wieder zu steigen begann. Im Jahr 1933 betrug sie 6000, 1934: 4000, 1935: 5500. Die Steigerung von 1934 auf 1935 um 1500 Stück war wie der Geschäftsbericht 1935 ausweist, vor allem einer Berliner Vertriebsfirma zuzuschreiben, die 1000 Stück absetzte.
In den letzten Nummern vor der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurden die Warnrufe vor Hitler immer deutlicher und dringender. Sie sollten, als die Katastrophe dann unabwendbar zu sein schien, wenigstens den Erfolg haben, "der uns auch einen Schritt weiter brächte", nämlich: " ... daß wieder einigen Betrogenen die Augen aufgehen über den wahren Charakter des Mannes, von dem sie immer noch die Neugestaltung Deutschlands erwarten. Wenn dies geschähe (das Augenauf gehen) - das wäre auch schon etwas." (Leitartikel Nr. 3 vom 15. Januar 1933). So kämpfte die "Sonntags-Zeitung" noch kurz vor dem 30. Januar 1933 um jeden Zentimeter Boden.
Auch nach der Machtergreifung trat sie zunächst noch Hitlers Propaganda entschieden entgegen und setzte sich für eine Verständigung der beiden großen Arbeiterparteien ein, um einen Wahlsieg der nationalen Regierung am 5. März zu verhindern; unverblümt greift sie die Nationalsozialisten in Wort und Bild an. So zeigt zum Beispiel der Holzschnitt von Hans Gerner, der jede Nummer schmückte, in Nummer 6 vom 5. Februar 1933 Hitler vor dem Spiegel, aus dem sein Gesicht mit wilhelminischem Schnurrbart zurückstrahlt. "Es ist erreicht, eine Vision" heißt die Unterschrift. Nummer 13 des Jahrgangs 1933, vom 26. März, die einen Leitartikel über "Die Ermächtigung" enthielt, wurde zwar noch gedruckt, konnte aber nicht mehr ausgeliefert werden. Anstelle der in der Druckerei beschlag­nahmten Nummer erschien ein weißes Blatt mit dem Titelkopf und der Bemerkung „Bis auf weiteres verboten“.
Die inzwischen nationalsozialistisch gewordene württembergische Regierung hatte die "Sonntags-Zeitung", deren letzte Nummern bisher noch mit Genehmigung des Innenministeriums nach Vorlage des jeweiligen Manuskriptes erscheinen konnten, nach mehreren vorhergegangenen Warnungen nun offiziell verboten.
Schairer setzte alle Hebel in Bewegung, um weiter schreiben zu können. Sein erster Gang in Stuttgart war jeden Morgen zur Presse-Abteilung der geheimen Staatspolizei, die damals im sogenannten "Hotel Silber" untergebracht war. Er erzählte mit Vergnügen, wie die beiden uniformierten Posten, weil er täglich regelmäßig frühmorgens zur gleichen Zeit forsch durch das Eingangstor schritt, ihn schließlich für einen der Beamten hielten und vor ihm salutierten.
Am 11. April 1933 konzedierte das Innenministerium: "Das Verbot der 'Sonntags-Zeitung' wird unter der Voraussetzung aufgehoben, daß sich Dr. Schairer der nationalen Regierung gegenüber streng loyal verhält und in der 'Sonntags-Zeitung' künftig die Tagespolitik vollständig ausschaltet. Bei einem erneuten Verstoß hätte er mit einem endgültigen Verbot seiner Zeitung zu rechnen."
Am 16. April erschien die "Sonntags-Zeitung" wieder, Schairer und seinen Mitarbeitern aber waren sehr enge Grenzen für die Weiterführung im alten Geist gesteckt. Sie wurden auch gelegentlich übertreten, es gab Verwarnungen und ein neues Verbot wurde in Aussicht gestellt. So übertrug Schairer im Jahr 1934 die Herausgabe des Blattes formal auf einen "politisch genehmen" Redakteur; er selbst aber schrieb und veröffentlichte Artikel wie seither, nur daß sein Name nicht mehr in Erscheinung trat.
So lavierte er sich in den ersten Nazijahren mit großem journalistischem Geschick durch. Die "Sonntags-Zeitung" konnte nicht nur ihr Publikum halten, die Leser vermehrten sich sogar wieder, denn es gab in jenen Jahren noch genug selbstdenkende Menschen, die nach der Wahrheit suchten, auch wenn sie nur verschleiert dargeboten werden konnte. Doch es war eine Art Katz- und Mausspiel; die Nazis beobachteten Erich Schairer und seine Zeitung genau und im Februar 1937 wurde ihm ihre Herausgabe endgültig untersagt. Er erhielt Berufs- und Schreibverbot, nachdem ihn die württembergische NS-Pressestelle noch hatte wissen lassen, daß er dem Verbot entgehen könne, wenn er die Redaktion des "Stürmer", des berüchtigten Hetzblattes von Julius Streicher, übernehmen würde.