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Sonntags-Zeitung
![]() In Opposition
Als Oppositionsblatt ist die Sonntags-Zeitung gegründet und bisher geführt worden, und sie gedenkt auch darin zu verharren. Sie opponiert, kurz gesagt, gegen die herrschende Richtung im gesamten öffentlichen Leben des Vaterlandes, in Presse, Politik, Wirtschaft und sogenannter „Kultur“, die man unter Schlagworten wie Nationalismus, Kapitalismus, Klerikalismus und dergleichen zu verstehen pflegt. Sie wehrt sich gegen diese Mächte nicht, wie liebenswürdige Leser und vor allem Nichtleser oft behaupten, aus purer mefistofelischer Freude am Verneinen, am Schimpfen und Schlechtmachen; sondern weil ihr Herausgeber von deren Verlogenheit, Gemeinheit und Dummheit täglich greifbare Beweise vor sich hat und dem Bedürfnis nicht zu widerstehen vermag, dem Ausdruck zu verleihen. Sobald die Welt, in der ich lebe, vernünftig, anständig und wahrhaftig zu werden anfängt, werde ich die Sonntags-Zeitung eingehen lassen und dafür Erbauungsschriften herausgeben. |
| Geschichte der Sonntags-Zeitung AGATHE KUNZE-SCHAIRER Auflage und Verbreitung der Sonntags-ZeitungDie "Sonntags-Zeitung" bestand nur aus einem Doppelblatt im sogenannten "Berliner Format". Ihre Leserschaft setzte sich aus Lehrern, Ärzten, Rechtsanwälten, Ingenieuren, Fabrikanten, selbständigen Handwerkern, Facharbeitern, Bauern, Angestellten, Beamten und künstlerisch Tätigen zusammen. Und, obwohl die "Sonntags-Zeitung" aus ihrer antikirchlichen Einstellung nie einen Hehl machte, ja sogar immer wieder zum Austritt aus der Kirche aufforderte, waren auch eine ganze Anzahl Pfarrer unter den Abonnenten. Man kann also sagen, daß die "Sonntags-Zeitung" in allen Schichten der Bevölkerung gelesen wurde und zwar nicht lokal süddeutsch geordnet, wie man nach ihrem Erscheinungsort Stuttgart annehmen könnte, sondern in ganz Deutschland, hauptsächlich in den Großstädten. Zwei Drittel der Auflage gingen nach Norddeutschland, vor allem nach Hamburg, Berlin, Leipzig, Magdeburg, Köln - die Dichte der Verbreitung in der Reihenfolge der genannten Städte. |
Vom letzten Drittel der Auflage in Süddeutschland entfiel der größte Teil auf Stuttgart, auch Mannheim war gut vertreten, der Rest ging nach der württembergisch-badischen Südwestecke; in Bayern gab es kaum Leser.Daß die aufklärende und volksbildnerische Tendenz der "Sonntags-Zeitung" eine Wirkung hatte und das Blatt Resonanz unter seinen Lesern fand, zeigt die Auflagensteigerung. Die erste Auflage im Jahr 1920 betrug 2000 Stück. Dann wuchs sie langsam aber stetig, mit Ausnahme von Stockungen in der Inflationszeit 1922—23 und 1926—27 und hatte ihren Höhepunkt im Jahr 1932 mit rund 8000 Exemplaren. Interessant ist, daß die Auflage während der Nazizeit, nach dem ersten Rückgang in den Jahren 1933 und 1934, wieder zu steigen begann. Im Jahr 1933 betrug sie 6000, 1934: 4000, 1935: 5500. Die Steigerung von 1934 auf 1935 um 1500 Stück war wie der Geschäftsbericht 1935 ausweist, vor allem einer Berliner Vertriebsfirma zuzuschreiben, die 1000 Stück absetzte. In den letzten Nummern vor der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurden die Warnrufe vor Hitler immer deutlicher und dringender. Sie sollten, als die Katastrophe dann unabwendbar zu sein schien, wenigstens den Erfolg haben, "der uns auch einen Schritt weiter brächte", nämlich: " ... daß wieder einigen Betrogenen die Augen aufgehen über den wahren Charakter des Mannes, von dem sie immer noch die Neugestaltung Deutschlands erwarten. Wenn dies geschähe (das Augenauf gehen) - das wäre auch schon etwas." (Leitartikel Nr. 3 vom 15. Januar 1933). So kämpfte die "Sonntags-Zeitung" noch kurz vor dem 30. Januar 1933 um jeden Zentimeter Boden. Auch nach der Machtergreifung trat sie zunächst noch Hitlers Propaganda entschieden entgegen und setzte sich für eine Verständigung der beiden großen Arbeiterparteien ein, um einen Wahlsieg der nationalen Regierung am 5. März zu verhindern; unverblümt greift sie die Nationalsozialisten in Wort und Bild an. So zeigt zum Beispiel der Holzschnitt von Hans Gerner, der jede Nummer schmückte, in Nummer 6 vom 5. Februar 1933 Hitler vor dem Spiegel, aus dem sein Gesicht mit wilhelminischem Schnurrbart zurückstrahlt. "Es ist erreicht, eine Vision" heißt die Unterschrift. Nummer 13 des Jahrgangs 1933, vom 26. März, die einen Leitartikel über "Die Ermächtigung" enthielt, wurde zwar noch gedruckt, konnte aber nicht mehr ausgeliefert werden. Anstelle der in der Druckerei beschlagnahmten Nummer erschien ein weißes Blatt mit dem Titelkopf und der Bemerkung „Bis auf weiteres verboten“. |
Die inzwischen nationalsozialistisch gewordene württembergische Regierung hatte die "Sonntags-Zeitung", deren letzte Nummern bisher noch mit Genehmigung des Innenministeriums nach Vorlage des jeweiligen Manuskriptes erscheinen konnten, nach mehreren vorhergegangenen Warnungen nun offiziell verboten.Schairer setzte alle Hebel in Bewegung, um weiter schreiben zu können. Sein erster Gang in Stuttgart war jeden Morgen zur Presse-Abteilung der geheimen Staatspolizei, die damals im sogenannten "Hotel Silber" untergebracht war. Er erzählte mit Vergnügen, wie die beiden uniformierten Posten, weil er täglich regelmäßig frühmorgens zur gleichen Zeit forsch durch das Eingangstor schritt, ihn schließlich für einen der Beamten hielten und vor ihm salutierten. Am 11. April 1933 konzedierte das Innenministerium: "Das Verbot der 'Sonntags-Zeitung' wird unter der Voraussetzung aufgehoben, daß sich Dr. Schairer der nationalen Regierung gegenüber streng loyal verhält und in der 'Sonntags-Zeitung' künftig die Tagespolitik vollständig ausschaltet. Bei einem erneuten Verstoß hätte er mit einem endgültigen Verbot seiner Zeitung zu rechnen." Am 16. April erschien die "Sonntags-Zeitung" wieder, Schairer und seinen Mitarbeitern aber waren sehr enge Grenzen für die Weiterführung im alten Geist gesteckt. Sie wurden auch gelegentlich übertreten, es gab Verwarnungen und ein neues Verbot wurde in Aussicht gestellt. So übertrug Schairer im Jahr 1934 die Herausgabe des Blattes formal auf einen "politisch genehmen" Redakteur; er selbst aber schrieb und veröffentlichte Artikel wie seither, nur daß sein Name nicht mehr in Erscheinung trat. |
So lavierte er sich in den ersten Nazijahren mit großem journalistischem Geschick durch. Die "Sonntags-Zeitung" konnte nicht nur ihr Publikum halten, die Leser vermehrten sich sogar wieder, denn es gab in jenen Jahren noch genug selbstdenkende Menschen, die nach der Wahrheit suchten, auch wenn sie nur verschleiert dargeboten werden konnte. Doch es war eine Art Katz- und Mausspiel; die Nazis beobachteten Erich Schairer und seine Zeitung genau und im Februar 1937 wurde ihm ihre Herausgabe endgültig untersagt. Er erhielt Berufs- und Schreibverbot, nachdem ihn die württembergische NS-Pressestelle noch hatte wissen lassen, daß er dem Verbot entgehen könne, wenn er die Redaktion des "Stürmer", des berüchtigten Hetzblattes von Julius Streicher, übernehmen würde.
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