Preisreden





Rednerliste:

2011
Prof. Dr. B. Pörksen: Die Zukunftsfragen des Journalismus. Weshalb die Rede vom Untergang der Printmedien gefährlich ist.

2010
Tissy Bruns: Politik - Journalisten - Bürger. Über Aufklärung und Aufregung durch die Presse

2009
Ernst Elitz: Zur Zukunft der Kommunikation. Zehn Thesen zur Frage: "Verdummen die Medien das Publikum oder macht das Publikum die Medien so dumm?"

2008
Heribert Prantl: Die Zeitung ist tot. Es lebe die Zeitung.

2007
Uwe Vorkötter: Rendite statt Recherche? Journalismus im Wettbewerb der Medien.

2006
Richard Schröder: Die deutsche Einheit: Besser als ihr Ruf.

2005
Ruprecht Skasa-Weiß: Mit der Sprache fängt's doch an. Bemerkungen zum Deutsch der Journalisten

2004
Jutta Stössinger: Zeitzeichen, Zur Entstehungsgeschichte kleine Feuilletons

2003
Hans-Martin Gauger: Wörter, Wörter - und was wird gesagt? Journalismus und Sprache

2002
Thomas Löffelholz: Journalismus zwischen Information und Hysterie.

2001

2000
Freimut Duve: Freiheit der Presse in Ost-Europa?

1999
Kurt Sontheimer: Ist der politische Journalismus in der Krise?

1998
Reinhard Appel: Erinnerung an Erich Schairer
Irene Ferchl: Ironie und Witz im journalistischen Schreiben

Festreden:

Prof. Dr. Bernhard Pörksen 2011

Jutta Stössinger 2004
Thomas Löffelholz 2002
Prof. Dr. Kurt Sontheimer 1999
Reinhard Appel 1998


Prof. Dr. Bernhard Pörksen

Die Zukunftsfragen des Journalismus

Weshalb die Rede vom Untergang der Printmedien gefährlich ist

(Festvortrag zur Verleihung des Erich Schairer-Preises, 21. November 2011, Stuttgart)

Sehr geehrte, liebe Frau Burger, liebe Preisträger des heutigen Tages, liebe Mitglieder der Erich-Schairer-Journalistenhilfe, meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte Sie in den Abendstunden des 21. November gleichsam von den Stühlen reißen, indem ich zunächst auf eine kleine Taxonomie eingehe, ein Schema beschreibe, das Immanuel Kant entwickelt und mit dem er die wesentlichen Themen der Philosophie vorgestellt hat. Genauer: Es ist ein Schema von drei Fragen, das es mir erlaubt, mich meinem Riesenthema – den Zukunftsfragen des Journalismus – zu nähern, ihm überhaupt beizukommen. Die erste Frage lautet: Was kann ich wissen? Hier geht es um den Wahrheitsstatus unseres Wissens. Die zweite Frage bezieht sich auf die Ethik, das richtige Handeln. Sie lautet: Was soll ich tun? Hier geht um das angemessene Vorgehen. Die dritte Frage berührt das Gebiet des Glaubens und der Metaphysik: Was darf ich hoffen? Hier betritt man die Sphäre der Spekulation und wird auf die eigenen Hoffnungen und Glaubenssätze verwiesen.

Kant war, Sie wissen es, kein Journalist. Und die Frage, ob die Zeitungsverleger das I-Pad erlöst, ob sich Paid Content doch noch durchsetzt, ob im Januar 2043 wirklich die letzte Zeitung gedruckt wird und ob Jeff Jarvis Recht hat, wenn er einen unternehmerischen Journalismus fordert – dies alles hat ihn nicht beschäftigt, als er sein kleines Schema zur Systematisierung der Philosophie erdachte. Und doch glaube ich, dass seine drei Fragen dabei helfen können, die aktuelle Situation zu erkunden. Deshalb der Verweis auf Kant, wenn es um die Zukunft des Journalismus geht.

Meine These ist: Diese drei Fragen (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?) erlauben Systematik und Programmatik. Sie gestatten die Analyse und die Selbstirritation. Sie bilden eben gerade keine logische Reihenfolge nach dem Motto: zuerst das Wissen, dann das Handeln, dann die begründete Hoffnung. Im Gegenteil. Diese drei Fragen gehören zu unterschiedlichen Bereichen. Es gilt, das Wissen und die apokalyptischen Thesen über den gegenwärtigen Zeitungs- und Printjournalismus mitunter einfach zu ignorieren, zu einem selbstbewusst abgedrängten Hintergrundgeräusch werden zu lassen, um als Verleger, als Redakteur oder auch als einzelner Journalist überhaupt noch engagiert genug handeln zu können.

Wissen, Handeln und Hoffen sollten ruhig begründet auseinanderklaffen, sich wechselseitig mitunter regelrecht dementieren; sonst driftet man in das handelsübliche Lamento über den Untergang des Journalismus, den boshaften Geiz und die Behäbigkeit der Verlage mit ihren Bürokratien. Sonst befördert man nur die ängstliche, kreativitätsfeindliche Stimmung, die ohnehin regiert. Soviel vorweg. Und ich sehe: Kant hat sie bereits fundamental intrigiert. Deshalb mein Versprechen: ich komme darauf zurück, er wird mich von nun an begleiten in die Welt des Wissens, des Handelns, des Hoffens – mit Blick auf den Journalismus im Allgemeinen und den Print- und Zeitungsjournalismus im Besonderen.

Die erste Frage: Was kann ich wissen?

Die erste Frage von Kant ist ein Aufruf zur Situationsbeschreibung: Was kann ich wissen? Die Antwort lautet: Wer die Zeitungen liest, wer die Mediendienste verfolgt, wer die medienwissenschaftliche Literatur durcharbeitet, der kann wissen, dass der Journalismus, insbesondere der Printjournalismus in seiner gegenwärtigen Form und Gestalt, so zumindest der breite Konsens, bedroht ist. Und stimmt ja: Zahlreiche luxuriöse Spielwiesen sind längst planiert. Es fehlt in vielen Redaktionen an Geld für investigative Geschichten und aufwendige Recherchen. Zeitungshäuser stellen ihre Volontärsausbildung ein, geben ihre Lehrredaktionen auf, Volontäre bekommen keine Anschlussverträge mehr, ihre Gehälter werden gekürzt. Manche Arbeitsämter raten von dem Berufswunsch Printjournalist intwischen ab.

Und jede wirtschaftliche Krise schlägt unmittelbar auf die Erlöse durch, denn sie minimiert das Anzeigenaufkommen und ruiniert eine wesentliche Erlösquelle der gesamten Branche. Das Internet sorgt überdies dafür, dass existenziell wichtige Einnahmen wegbrechen, Anzeigen abwandern, die nicht mehr zurückgewonnen werden können. Und die User sind (dies erweist sich als nicht mehr korrigierbarer Fehler) längst an die Gratiskultur gewöhnt und wollen für hochwertige publizistische Angebote und Nachrichten nicht bezahlen. Überdies verändern sich, wenn auch bislang noch nicht in dramatischer Form, die Nutzungs- und Rezeptionsgewohnheiten, aber auch hier ist eine Zuspitzung denkbar. Denn die Grenzen des Zeitbudgets scheinen inzwischen erreicht. Mediennutzung lässt sich kaum noch steigern. Eine wechselseitige Kannibalisierung ist damit zumindest vorstellbar geworden. Noch weiß niemand genau, wie es weiter geht und wie das Nutzungsverhalten aussieht, wenn das Limit endgültig ausgereizt ist – und die Entscheidung zwingend ansteht: Radio oder Fernsehen, Zeitung oder Internet.

Die Folge der verschiedenen Trends ist jedoch absehbar: Guter Journalismus droht heute seine tradierte ökonomische Basis zu verlieren – ohne dass ökonomisch robuste Alternativen in Sicht wären, ohne dass sich das Trägermedium der Zeitung einfach austauschen ließe. Viele US-Zeitungen, auch das muss man in diesem Zusammenhang erwähnen, denn der Blick nach Amerika ist ja immer auch ein Blick in eine mögliche Zukunft, viele Zeitungen sind längst hoch verschuldet; sie verlieren kontinuierlich an Auflage und an Werbeeinnahmen. Zahlreiche Zeitungen sind, so dokumentiert der Blog Newspaper Death Watch, seit 2007 vom Markt verschwunden; andere erscheinen längst nur noch im Netz.

Nur ein einziges, allerdings symbolträchtiges Detail: Im April 2009 gewannen die Reporter der New York Times gleich fünf Pulitzer-Preise, die renommierteste journalistische Auszeichnung des Landes. Am Vortag hatte die New York Times Co. einen Verlust von 62 Millionen Dollar bekannt gegeben. „Es ist vorstellbar geworden“, so heißt es in einer Titelgeschichte des Time-Magazine zum Thema, „dass in einigen Großstädten in naher Zukunft keine eigene Zeitung mehr erscheinen wird und dass Zeitschriften und Nachrichtenagenturen mit lediglich ein paar fest angestellten Journalisten ausgestattet sein werden.“ Und auch hierzulande – Sie wissen es – stellt sich die Situation alles andere als rosig dar; auch hierzulande werden lokale Redaktionsbüros geschlossen oder ausgelagert, kommt es zu Entlassungen, zentralisiert man die Berichterstattung, legt ganze Redaktionen zusammen. Der WAZ-Konzern hat sich inzwischen von 300 seiner einstmals 900 Redakteure getrennt; die Hannoversche Allgemeine Zeitung baut jede zehnte Stelle ab. Überregionale Qualitätsblätter wie die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Rundschau müssen drastisch sparen. Deutsche Tageszeitungen haben in den letzten zehn Jahren etwa fünf Millionen Käufer verloren, diverse Magazine sind vom Markt verschwunden oder ächzen unter der Anzeigenflaute. Sie müssen die Preise erhöhen, aufwändige Recherchen zurückfahren. Sie sind häufiger geneigt, PR-Beiträge zu übernehmen oder den Lesern im Gewand journalistischer Berichterstattung Reisen oder Bücher des eigenen Unternehmens anzudienen – mit allen Folgen für die Glaubwürdigkeit des Journalismus und den Seriositätsappeal des Gewerbes insgesamt.

Nur noch die Hälfte aller freien Journalisten, eine zweifellos besonders gebeutelte Gruppe, kann, so schätzt der Deutsche Journalisten Verband, überhaupt von seinem Einkommen leben. Die Folge: Es entsteht ein journalistisches Prekariat, das sich von Job zu Job hangelt. Diese Prekariatsangehörigen sind oft auf die Querfinanzierung des eigenes Berufs und der eigenen Berufung angewiesen. Sie stehen in Konkurrenz mit Nicht-Profis, eben womöglich auch Tübinger Professoren, die auch irgendwie in den Medien vorkommen und „irgendetwas mit Medien“ machen wollen – und damit die Preise endgültig ruinieren. Und natürlich müssen sie sich verdächtigen lassen, besonders leichtfertig und skrupellos schmutzige PR zu betreiben. Manche freie Journalisten von heute, und das sage ich aus einer Haltung des Mitgefühls heraus, sind in die Situation des armen Poeten abgedrängt: Sie verfolgen eine Leidenschaft, von der sich nur noch mehr schlecht als recht leben lässt.

Das heißt im Sinne einer ersten Bilanz: Wenn man der Mehrheit der Beobachter glaubt, wenn man den Diagnosen folgt, dann dominieren Bilder des Untergangs und der Verwahrlosung. In meinem Fach, der Medienwissenschaft, nennt man das vornehmer Entgrenzung, Hybridisierung und Ökonomisierung – und meint die Dominanz einer globalen Unterhaltungsindustrie, den Rollenmix aus PR und Journalismus, die neuen Geschwindigkeiten im aggressiven Wettlauf um den Scoop, den Konkurrenzdruck, das Spektakel. Aber egal, welche Begriffe man auch wählen mag – die Diagnose ist wenig freundlich: Das Jahrhundert des großen Journalismus geht zu Ende, heißt es. In der Hauptstadt, in Berlin, regieren längst die Wichtigtuer und die Journalisten-Darsteller, so liest man. Print wird als „Dead Tree Industry“ bezeichnet und als eine „sinnlose, egoistische Obsession mit toten Bäumen“ verspottet – so David Montgomery, der glücklicherweise an der Berliner Zeitung gescheiterte Medieninvestor.

Immer wieder finden sich in den sogenannten Lagebeschreibungen auch Was-wäre-wenn-Diagnosen, die sich eine Gesellschaft ganz ohne Journalismus vorstellen. Nur ein Beispiel: Schon vor zehn Jahren fand sich in dem Buch eines bekannten Medienwissenschaftlers der Versuch, aktuelle Trends der Entgrenzung und Deformation fortzuschreiben folgendes Szenario für das Jahr 2010: „Es gibt keinen herkömmlichen Journalismus-Beruf mehr“, so hieß es hier. „Das, was heute professionelle Spin-Doctors machen, bestimmt fast die gesamte mediale Wirklichkeitskonstruktion. Der Journalist als Mediator, als Vermittler zwischen außer-redaktionellem Input und Rezipient, ist völlig überflüssig geworden. Es gibt nur noch Darstellungen von sogenannten ‚Fact Rooms’ (früher: Pressestellen).“ [...] Zu jeder Nachricht aus dem „Fact Room“ gibt es dann zahllose Augenzeugenberichte, Meinungen usw. in den weitverzweigten Chatrooms des Netzes.“1

Meine Damen und Herren, es ist, Sie wissen es, nicht ganz so gekommen; noch existiert er, der Journalismus. Aber die Akteure und Beobachter der Profession trainieren doch lange schon das apokalyptische Bewusstsein. Und sie tun dies in einer längst kontraproduktiv gewordenen Art und Weise. Schon vor etlichen Jahren hat der amerikanische Journalistik-Professor Philipp Meyer – noch vor dem Riesenerfolg von Facebook, noch vor dem I-Pad, noch vor der Erfindung von Twitter, noch bevor das Internet endgültig zum Echtzeit- und Universal-Medium wurde – ein Buch mit dem Titel The Vanishing Newspaper veröffentlicht. Es handelt sich um einen durchaus melancholisch formulierten Abgesang, um eine voluminöse Todesanzeige in Buchform, versehen mit einem konkreten Datum: Anfang 2043 finden Sie alle – so schreibt Philipp Meyer – ein letztes Mal die gedruckte Zeitung in Ihren Briefkästen oder vor Ihrer Haustür, denn in den ersten Monaten des Jahres 2043 stirbt die Tageszeitung.

Natürlich wissen wir auch alle, dass solche Prognosen nicht immer eintreffen, und es hilft vielleicht, sich daran zu erinnern, dass Bill Gates schon 1995 das baldige Ende des Buches verkündet hat, natürlich in einem Buch. Aber wie dem auch sei, diese Prognose von Philipp Meyer über das Ende der Zeitung war wirksam, weil sie eine Erwartung gesetzt und eine Stimmung erzeugt hat. „Wozu noch Zeitung?“ fragt man sich zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung. Oder auch: „Wozu noch Journalismus?“ So hieß die Anschluss-Serie. Das ist in etwa so, als ob ein Gärtner seinen Leuten die Frage entgegen schleudert: „Wozu noch Blumen? Warum noch Pflanzen?“ Das ist, meine Damen und Herren, zuviel der Selbstzerknirschung. Das ist schlicht und einfach übertrieben. An dieser Stelle muss ich mich ein wenig abkühlen und unbedingt auf Kant zurückkommen – und ein prinzipielles Argument platzieren: Kant war Skeptiker. Er hat die Wahrheitsgewissheit der europäischen Philosophiegeschichte erschüttert, das ist eine seiner zentralen Leistungen. Und er hätte gesagt, dass Prognosen immer unsicher sind – und die Zukunft nur als die große Unbekannte in unseren Berechnungen funktioniert. Was kann ich wissen? Das ist die Frage eines Menschen, der verstanden hat, dass Wissen nicht Wahrheit ist, der weiß, dass sich Erkenntnis wandelt und ihren Zeitkern in sich trägt. In einem solchen Denken liegt eine gewisse Freiheit, weil sie einen animiert, mit eigenen und fremden Gewissheiten zu spielen, die Prognosen auszutauschen, nach ihrer Herkunft und nach ihren produktiven oder unproduktiven Konsequenzen zu fahnden.

Warum also, so kann man fragen, sind so viele Journalismusbeobachter von der Empirie oder der Prognose des Untergangs fasziniert? Könnte es sein, dass der Journalismus und die zuständige Wissenschaft das Extrem lieben und dass es diese Denkform ist, die das Nachdenken über die eigene Branche in ein Entmutigungsgeschäft verwandelt hat? Anschlussfrage im Sinne eines Plädoyers für Perspektiven-Pluralität: Sollte man nicht die Bilder des Gelingens stark machen? Wie kann man der intellektuell so unendlich reizarmen Verlustklage eine aufregendere, eine zukunftsorientiertere Form geben? Was wäre, wenn alles ganz anders kommt und wir das Denken im Großformat der Jahrhunderte mal beiseite schieben – und konkrete Kreativität beobachten lernen?

Sie ahnen es vermutlich längst: Aus meiner Sicht steht ein Perspektivenwechsel an, auch um sich aus einer Lähmung durch kontraproduktiv gewordene Krisengewissheit zu befreien. Es kann nicht sein, dass Medienwissenschaftler und Journalismusbeobachter Schreckensmeldungen nur reproduzieren und die Begründung für Depressivität empirisch fundieren.

Es ist, so habe ich auch durch die Auseinandersetzung mit dem Lebensgang Erich Schairers verstanden, gerade die Aufgabe, zur Kreativität und auch zu einer gewissen Kantigkeit zu ermutigen – dies mit dem Ziel einer prinzipiell unsicheren Zukunft mit einer Haltung und einem inneren Kompass zu begegnen, um dann auf die entscheidende Gelegenheit zu warten: Vielleicht muss man, so wie Erich Schairer dies tat, einige Zeit überwintern. Und womöglich braucht es gerade für diese so mühsamen Zwischenphasen Prinzipien und Programmatiken; und gewiss benötigt man, bevor das entschiedene Handeln folgen und man seine eigene publizistische Spur zu ziehen vermag, noch einmal die Radikalität des Anders- und Neu-Denkens, die Erich Schairer in einer ganz anderen Zeit auf die seine Weise vorgelebt hat.

Es ist heute notwendiger denn je, davon bin ich zutiefst überzeugt, sich mental von einer angeblich unbedingt gültigen Krisen- und Untergangsgewissheit zu befreien; und es ist notwendiger denn je (ich hoffe, Sie sehen mir das Pathos nach, aber ich komme schließlich aus Tübingen) sich eine große Portion Liebe zu der aufklärerischen Uridee und Unabhängigkeit des Journalismus zu erhalten. Auch für diese Uridee steht der Name, steht die Person Erich Schairers.

Aber noch einmal – meine These ist: Es gilt heute, in diesem besonderen geschichtlichen Moment, nicht mehr primär die Analyse des Untergangs oder auch des ängstlich erwarteten Umbruchs zu betreiben, sondern sich von dem verbreiteten selbstreflexiven Negativismus schon aus strategischen Gründen zu verabschieden. Selbstreflexiver Negativismus – das ist natürlich ein Wortungetüm, das ist mein akademischer Ausdruck für die Krisengewissheit im Journalismus, den ich Ihnen an diesem Abend vorschlagen möchte. Selbstreflexiver Negativismus bezeichnet das verbreitete Phänomen, dass der Nachrichtenfaktor des Negativismus (bad news are good news) hier gewissermaßen zur Selbstanwendung kommt – und der Journalismus in journalistischer Manier schlecht geredet wird. Das ist, wie gesagt, kontraproduktiv, lähmend, deprimierend.

Gefordert ist nun aber nicht wieder das andere Extrem, also gerade kein schlichtes Positiv-Denken, kein blinder Idealismus, keine Überlastung im Sinne einer radikalen Selbsterlösungsideologie, aber doch mehr Mut und eine utopische Nüchternheit, ein Engagement für das eigene Medium.

Die zweite Frage: Was soll ich tun?

Damit komme ich unvermeidlich zu der zweiten Frage von Immanuel Kant: Was soll ich tun? Der Philosoph würde sich in einem solchen Fall wieder in sein Zimmer einschließen – und dort in der Stille einen kategorischen Imperativ für alle Fälle formulieren. Ich will da natürlich nicht zurückstehen – und möchte Ihnen nun meinen kategorischen Imperativ für den Printjournalismus der Zukunft präsentieren, der da heißt: Handle stets so, dass Deine Form der Publizität unverwechselbar und unverzichtbar wird. Um nun nicht völlig im Allgemeinen zu versanden und in Richtung einer folgenlosen Sonntagsrede abzudriften, muss man aber die Anschlussfrage stellen: Wie erreicht man Unverwechselbarkeit und Unverzichtbarkeit im Print- und Zeitungsjournalismus? Wie bleibt und wie wird diese Form der Publizitität zu einer Wertmarke, diese Gesellschaft in einem tiefen, in einem sehr ernsten Sinne respektiert? Und was kann, was sollte ein Verlagshaus, eine Redaktion oder auch ein einzelner Journalist womöglich tun, um sich im Sinne dieses Imperativs zu orientieren – und Unverwechselbarkeit für seine Form der Publizität zu kreieren?

Alle diese Strategien, die ich nun gleich nenne, das werden Sie sofort erkennen, sind keine konkreten Konzepte. Sie sagen Ihnen nicht, wie groß der Sportteil in der Zeitung der Zukunft sein soll, ob es sich lohnt, noch stärker in Richtung Service und Nutzwert zu gehen, ob auch im Lokalen vermehrt magazinartig erzählte Geschichten und Erklärstücke auftauchen sollten, ob die Exklusivität des Lokalen eine dauerhafte Perspektive und einen ausreichenden USP bietet, wie sich der Online-Auftritt einer Regionalzeitung gestalten lässt und ob in der Bildung von Communities eine Lösung liegen könnte. Um all dies geht es mir an diesem Abend hier im Linden-Museum in Stuttgart nicht, das ist nicht mein Thema. Mir geht es um etwas Anderes, Allgemeineres, unvermeidlich Diffuseres.

Mir geht es um das gesellschaftliche und das brancheninterne Bewusstsein für den Wert des Printjournalismus, das bisher in den vielen Debatten und Diskussion über die Zukunft der Zeitungen nicht richtig vorkommt – und eben das macht die Rede vom Untergang der Printmedien so gefährlich, gibt ihr soviel Macht, weil sie sich in eine selbst erfüllende Prophezeiung verwandeln kann – frei nach dem Motto: Was man nur lange genug beschworen hat, nur lange genug prognostiziert, wird irgendwann Realität werden. Irgendwann ist der Printjournalismus vielleicht wirklich am Ende, und dies womöglich auch deshalb, weil man ihn mit solcher Energie ins Grab geredet hat.

An dieser Stelle von meiner Seite aus also keine präzise ausgearbeiteten Konzepte, sondern kurz und knapp verschiedene Strategien, die sich verfolgen ließen, um diesem Imperativ näher zu kommen, der da heißt: Handle stets so, dass Deine Form der Publizität unverwechselbar und unverzichtbar wird.

Meine erste Strategie auf dem Weg zu einer unmittelbar einleuchtenden, zu einer unmittelbar erkennbaren Unverwechselbarkeit und Unverzichtbarkeit zielt auf das große Ganze, auf gesellschaftliche Mentalitäten. Sie lautet: Wir brauchen eine breite Debatte über das Wesen und den Wert des Gedruckten!

Mein Punkt ist: Heutzutage fehlt eine gesellschaftliche Debatte über das Wesen und den Wert des Gedruckten existenziell. Sie fehlt deshalb, weil – Sie wissen es – ein wacher, ein komplex produzierter, ein aufwändig recherchierter Printjournalismus, der orientiert und inspiriert, der kritisiert und kontrolliert, längst verteidigt werden muss.

Natürlich gibt es gewichtige Debattenbeiträge, die genau dies tun, die in diese Richtung weisen, aber es gibt doch keine sich lautstark und wirksam artikulierende Lobby, es gibt noch keine massive Intervention der kulturellen Intelligenz, der Verleger, der Publizisten, der Wissenschaftler, die sich für kulturelles Kapital begeistern können.

Gewiss, der Publizist Eric Altermann hat einmal im New Yorker den Zeitungsjournalismus fulminant als Basis des informierten Urteils in demokratischen Gesellschaften präsentiert. Aber das ist auch schon einige Jahre her, sein Essay stammt aus dem Jahre 2008. Gewiss, meine Kollegin, die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel war es, die 2009 Printmedien als Instrumente des vielschichtigen Diskurses über Fragen von öffentlicher Relevanz beschrieben hat. „Die gedruckte Zeitung“, so ihre Formel, „ist ein episches Medium“ – ein Ort für Erzählungen aus der Wirklichkeit, ein Instrument der Orientierung, das in Zeiten hektischer Dauerkommunikation unabdingbar sei.

Gewiss, der Philosoph Jürgen Habermas stellte schon vor Jahren in einem Aufsatz die Frage, ob nicht im Angesicht der Krise über politikferne Stiftungen und eine (direktere) öffentliche Alimentierung von Qualitätsblättern nachzudenken sei. „Der Markt hat einst“, so Habermas, „die Bühne gebildet, auf der sich subversive Gedanken von staatlicher Unterdrückung emanzipieren konnten. Aber der Markt kann diese Funktion nur solange erfüllen, wie ökonomischen Gesetzmäßigkeiten nicht in die Poren der kulturellen und politischen Inhalte eindringen, die über den Markt verbreitet werden.“ Zeitungen müssten, so sein ziemlich problematischer Vorschlag, durch Stiftungsgeld und öffentliche Alimentierung gleichsam vom Markt abgekoppelt werden. Also: unabhängiger Zeitungsjournalismus durch massive Subvention. Ich bin nicht so sicher, ob man das wirklich wollen soll.

Aber wie dem auch sei und unabhängig davon, wie man diese und andere Vorschläge beurteilt – faktisch sind derartige Einsprüche, Essays und Interventionen noch viel zu selten; man muss sie mühsam suchen, fast mit der Lupe. Die Bewusstseinsbildung für den Wert des Gedruckten im Moment seiner größten Krise findet nicht ausreichend statt. Die entsprechenden Stellungnahmen werden von Kulturschaffenden, von Intellektuellen, von Zeitungsverlegern eben gerade nicht, wie dies geboten wäre, wieder und wieder formuliert und initiiert; eine offensive, eine selbstbewusst geführte Debatte kann ich nicht wirklich erkennen. Viel eher regiert – sieht man von lobenswerten Initiativen der Branche (Kongressen, Qualitätsnetzwerken und eben auch Journalistenpreisen) einmal ab – eine unübersehbare Lust an der Apokalypse und ein modernisierungshungriger Opportunismus, der das Medium des Gedruckten vorschnell verloren gibt.

Man hat, gerade in der Medien- und Zeitungswelt, eine geradezu höllische Angst davor, als unmodern zu gelten. Man fürchtet sich davor, auch mal härter nachzufragen und hinzulangen: Welche substantiellen Online-Angebote, die selbst journalistischen Content produzieren, funktionieren eigentlich ökonomisch, wenn wir Spiegel online einmal außen vor lassen? Welcher Star-Blogger in Deutschland, sieht man von Sascha Lobo einmal ab, verdient eigentlich Geld, das über ein paar lousy pennies hinausgeht? Wieso glorifizieren Medienschaffende heute eigentlich Laien-Publizisten, die die eine Million-Euro-Frage der Branche (Wie kann man Qualität refinanzieren?) in keiner Weise gelöst haben, sondern – das sage ich mit allem Respekt – einem Ehrenamt und einem mit ziemlich großen Entbehrungen verbundenen Hobby nachgehen, in der Mehrheit Mainstream-Medien kommentieren und sich in der Summe mitnichten als Alternative zum klassischen Journalismus empfehlen können?

Meine Damen und Herren, ich kann es nur wiederholen: Wir brauchen eine breite Debatte über das Wesen und den Wert des Gedruckten, die die Perspektive der Print-Macher und die besondere Leistung der Zeitungen schärfer profiliert. Denn noch gibt es – jenseits der leichtfertig verachteten Printmedien – kein publizistisches Forum, das in ähnlicher Weise Themen von allgemeiner Relevanz auf die Agenda zu setzen vermag, sie überhaupt professionell auszuwählen und publikumsgerecht zu arrangieren verstünde. Wie könnten mögliche Leitideen dieser Debatte aussehen? In welche Richtung ließe sich denken? Was macht eigentlich den Wesenskern der Zeitung aus? Nun, ich würde sagen: Schon der Prozess und die Besonderheiten der Produktion erzwingen ein eigenes Zeit- und Weltverhältnis, das die Reflexion und den Diskurs zumindest begünstigt. Im Gegensatz zum Netz, das Ad-hoc-Kommunikation und blitzschnelle Aktualisierung ermöglicht, programmieren Printmedien die Entschleunigung, die Verzögerung. Und diese unvermeidliche Verzögerung kann auch ein Vorteil sein, den es sichtbar zu machen gilt. Zeitungen sind – gewiss nicht immer, aber doch idealer Weise – Medien des zweiten Gedankens, die eine Aktualität hinter der Aktualität sichtbar werden lassen können.

Sie versorgen, wenn es gut läuft, diese Gesellschaft Tag für Tag und Woche für Woche mit neuen Deutungsvorschlägen und Wahrnehmungen. Sie verwandeln Ahnungen in Behauptungen und individuelle Befindlichkeiten in Begriffe, sie verknüpfen Besonderes und Allgemeines, Konkretes und Abstraktes, sie geben Orientierung in der eigenen Nahwelt und liefern gleichzeitig das größere Bild, die umfassendere Perspektive. Darin liegt, darin besteht ihre besondere Leistung.

Meine zweite Strategie (erneut geht es mir um gesellschaftliches Bewusstsein, nicht aber um um konkrete Konzpte) möchte ich zu der zunächst etwas merkwürdig klingenden Formel verdichten: Die Idee der Zeitung muss zu einem gesellschaftlich akzeptierten Mantra werden! Was ist damit gemeint? Ein Mantra ist, wenn ich richtig orientiert bin, eine Art Kurzgebet, das man beständig wiederholt, dass sich einschleift und dass in der permanenten Rezitation zu einem kognitiven Automatismus wird. Wenn wir uns fragen, ob es ein Mantra der Netzkommunikation gibt, dann kann man nur antworten: Ja, dieses Mantra gibt es – und es ist sehr, sehr gut, sehr einprägsam, sehr überzeugend. Das Mantra der Netzkommunikation und des Web 2.0 lautet: blitzschnelle, günstige, weltweite Kommunikation, barrierefreie Partizipation und leicht zugängliche Information.

Gibt es in diesem Sinne ein Mantra, einen Slogan, eine faszinierend-attraktive Leitformel, die die Idee der Zeitung auf den Punkt bringt, die das Medium einhüllt, es beschützt, seine Verächtlichmachung blockiert, seinen Wert und sein Wesen in einem einzigen Satz erklärt? Ich glaube nicht, aber ich bin mir sicher, dass die Entwicklung einer solchen Leitidee, eines solchen Mantras ein Weg sein könnte, um Unverwechselbarkeit und Unersetzbarkeit zu erreichen – also dem kategorischen Imperativ von der Unverzichtbarkeit der Zeitung etwas näher zu kommen. Die Menschen in diesem Land nutzen immer mehr Medien immer länger. Wir liegen bei einer täglichen Nutzungszeit von 10 Stunden pro Tag, brutto, das heißt, dass unterschiedliche Medien parallel genutzt und die Nutzungszeiten addiert werden. An der Oberfläche gibt es relativ stabile Nutzungswerte für einzelne Medien, aber unterhalb der Oberfläche zeigt sich: einzelne Gruppen nutzen unterschiedliche Medien unterschiedlich oft, unterschiedlich häufig. Die Kernfrage lautet: Welcher Leitidee folgen sie, wenn sie zu einer Zeitung greifen und welcher Leitidee könnten und sollten sie folgen? Wie lässt sich diese Leitidee so verdichten, so zuschneiden, dass daraus ein positives Mantra wird und sich der Griff zur Zeitung über die Generationen hinweg stabilisiert? Auch das scheint mir eine Zukunftsfrage der Zeitung und des Journalismus insgesamt.

Die dritte Strategie, die ich nennen möchte, lautet in Richtung der Verlage, der Chefredaktionen und der Ressortleiter gesprochen: Verhindern Sie einmal am Tag, dass sich die Krisenbeschwörung im Printjournalismus in eine Selbstbewusstseins- und Kreativitätskrise verwandelt! Viele Redaktionen haben sich inzwischen in Klagemauern verwandelt, und es geht immer wieder um die gleichen Themen: unklare Perspektiven für Volontäre; Hungerlöhne für Freie; immer neue Einsparzwänge; fehlende Zeitressourcen für die notwendige Recherche und das gelegentlich ebenso notwendige journalistisch-publizistische Experiment; immer spärlichere Phasen des Durchatmens, die jeder kreative Prozess braucht. Man kann sich fragen: Welche Ursachen haben diese Klagen in ihrer Tiefendimension, welche Trends forcieren eine organisationsinterne Klimaverschlechterung?

Meine Antwort ist, dass Journalistinnen und Journalisten, in ein avantgardistisches Zeit- und Wirklichkeitsbewusstsein regelrecht hineingezwungen werden. Was ist damit gemeint? Damit meine ich, dass sie – oft vor den anderen, oft vor dem Rest der Gesellschaft – erleben, wie radikal, in welchem Tempo und in welcher Durchschlagkraft sich die Arbeits- und Medienwelten verändern. Meine These ist: Die gegenwärtige Arbeitswelt der einzelnen Journalisten in diesem Land ist die Arbeitswelt der Zukunft für viele andere Berufe und Bereiche. Die entsprechenden Formeln lauten: Outsourcing, Beschleunigung und Transformation der Geschäftsbeziehungen durch moderne Medientechnologien, Informatisierung und Entgrenzung der eigenen Arbeitskraft, Entwicklung von neuen Kooperationsformen, immer stärkere Verdichtung von Tätigkeiten.

Ganz unabhängig davon, wie man die Tarifauseinandersetzungen der unmittelbaren Vergangenheit beurteilt, wie man die Einsparzwänge und die Folgen der Strukturkrise für die Verlagsrenditen einschätzt, besteht heute die Gefahr, dass sich die Krisenerfahrung auf beiden Seiten (der Verleger- und Eigentümerseite und der Seite der angestellten Journalisten) in den Redaktionen zu einer handfesten Sinn- und Kreativitätskrise auswächst, weil das unsichtbare Band der gemeinsamen Großanstrengung zu zerreißen droht. Kreativität und Sinnerfahrung brauchen Wertschätzung und den Raum für echte Experimente existenziell.

Kreativität und Sinnerfahrung sind auf gute klimatische Verhältnisse im Großen wie im Kleinen angewiesen: Wenn Printmedien öffentlich verächtlich gemacht werden und sich die Angestellten organisationsintern nicht gewürdigt und ausreichend bezahlt fühlen, wenn sie selbst vor allem über die Verlegerseite klagen und ihre Aktivitäten prinzipiell mit einem großen Verdacht begegnen, dann ist das eine eine auf Dauer gefährliche Konstellation. Weil gute Leute abwandern und gar nicht mehr erst gewonnen werden können. Weil diejenigen, die bleiben, irgendwann vielleicht Dienst nach Vorschrift machen. Weil die Spitzenleistungen im Journalismus immer auch von Zusatzengagement aller lebt, das Menschen nur aufbringen, wenn sie sich dies in irgendeiner Weise auszahlt. Deshalb lautet die Strategie, die ich empfehlen möchte: Verhindern Sie einmal am Tag, dass sich die Krisenbeschwörung im Printjournalismus in eine Selbstbewusstseins- und Kreativitätskrise verwandelt!

Wechseln wir nun für einen Moment die Perspektive, lassen wir die Frage nach dem gesellschaftlichen Bewusstsein oder den innerredaktionellen Verhältnissen für einen Augenblick außer acht – und wenden wir uns dem einzelnen Journalisten zu. Was soll er oder sie tun? Kann auch für sie oder für ihn dieser kategorische Imperativ – Handle stets so, dass Deine Form der Publizität unverwechselbar und unverzichtbar wird – von Bedeutung sein? Ich glaube schon und nenne Ihnen – ausschnitthaft, notwendiger Weise verkürzt, schon in der Zielgeraden zum Abschluss meines Vortrags – einige mögliche Strategien, Vorgehensweisen, Leitlinien des Handelns.

Zentral ist gewiss eine Strategie, die da heißt: Finde Deine Rolle! Wer den Markt der erfolgreichen Journalistinnen und Journalisten beobachtet, der sieht, dass viele von ihnen einem Rollenscript folgen, dass sie einen Typus verkörpern. Es gibt den Trendforscher, der Zeitstimmungen in kreativer Weise auf den Begriff bringt und die Unternehmen mit dem nötigen intellektuellen Sauerstoff versorgt. Und es gibt den Experten, der aufgrund seiner Bücher und Artikel als Spezialist gefragt ist. Man entdeckt den Stilisten, der wegen seiner Schreibe einkauft wird. Und natürlich den routinierten Produzenten, der einfach weiß, wie man Geschichten anlegt, die sich rasch recherchieren, schnell schreiben und gut verkaufen lassen.

Etwas konkreter und dann doch in Form von ein paar Namen: Reinhard Kahl hat den klugen Bildungsjournalismus zu seinem Markenzeichen gemacht, Andreas Weber ist als Natur- und Lebensphilosoph für ökologisch Interessierte unterwegs, Peter Glaser als der Poet des digitalen Universums, Helge Timmerberg als glänzend formulierender Hippie, der uns Zuhause-Bleibern durch seine Geschichten von unterwegs besänftigt. Michael Jürgs ist der Themen-Finder mit dem untrüglichen Gespür für Sachbucherfolge. Michael Spreng ist der Experte für politische Inszenierungen, der die Hinterbühne des Beraterwesens kennt; Stefan Niggemeier agiert als vollkommen unerschrockener Medienjournalist, der Schärfe und Spiel kombiniert. Sie und viele andere arbeiten stets als Meta-Kreative, die ihren Namen mit einer Zusatzbotschaft versehen und ihre Rolle gefunden haben: Seht her, dafür stehe ich! Das ist, glaube ich, eine kluge Strategie auf dem Weg zur Unverwechselbarkeit.

Eine weitere Strategie für das journalistische Individuum besagt: Erweitere Deinen Markt! Nur-Journalismus funktioniert nicht mehr, zumindest nicht für Freie. Die eigene Form der unverwechselbaren Publizität braucht heute unterschiedliche Foren, Medien, Gattungen und Abnehmer, die nicht mehr nur im klassischen Journalismus angesiedelt sind. Der Bildungsjournalist setzt eben auch den großen Kongress zum Thema ins Werk, tritt bei den Trendforschern auf, vertreibt seine Film in Eigenregie als DVD, moderiert und betreut Veranstaltungsreihen. Der Netzscout bloggt und macht eine Medienseite, schreibt Bücher, die auf seinem Blog promotet. Der Politik-Kenner verfasst vielleicht irgendwann mal eine bestellte Politiker-Biographie oder wird wieder zum Berater. Und so weiter. Diese Markterweiterung kann man, wie dies manche meiner Kollegen tun, als Hybridisierung und Entgrenzung der Profession attackieren, aber sie ist inzwischen wohl einfach eine ökonomische Notwendigkeit.

Vermutlich ist die Idee der journalistischen Reinheit tatsächlich empirisch gescheitert – übrigens auch bei jenen Festangestellten, deren Medien sich in Handelsunternehmen und Kongresshäuser verwandelt haben. Und vermutlich muss man die oft allzu absolut formulierte Ideologie der Reinheit durch die pragmatischere Idee der Transparenz und der konkreten Sphärentrennung ersetzen, die besagt: Offenlegung der eigenen Rollenkombination, gesteigerte Sensibilität für Interessenkonflikte, keine unmittelbare Vermischung von journalistischen Themen mit PR-Aufträgen, Primat des journalistischen Aufklärungs-Ethos, wenn es zum Schwur kommt.

Desweiteren – eine letzte Strategie, die ich nennen möchte, sie lässt sich zu der Formel verdichten: Experimentiere! Viele interessante Innovationen, die vielleicht über manchen Umweg einmal robuste Geschäftsmodelle und in anderer Weise auch profitable Großprojekte werden, kommen im Moment von Journalistinnen und Journalisten, gerade auch von Freien, denn hier experimentiert man besonders intensiv in der gatekeeperfreien Zone, geht oft einfach konzeptionell in Vorleistung, entwickelt neue Vertriebsmodelle für Bücher ohne Verlag, Micropayment-und Abo-Varianten für Artikel. Und so weiter.

Einzelne Journalistinnen und Journalisten werden damit, um eine Formulierung des Industriesoziologen Günther Voß aufzugreifen von Angestellten zu Unternehmern der eigenen Arbeitskraft und müssen sich, das ist die paradoxe Herausforderung, immer wieder neu erfinden, ohne die Identität der Profession zu beschädigen. Sie handeln mit Ideen, ihre Kreativität ist ihr Produkt.

Die dritte Frage: Was darf ich hoffen?

Damit komme ich zum Schluss und kurz und knapp zu der letzten der drei Fragen, die Immanuel Kant eigentlich gestellt hat, um die Metaphysiker unter den Philosophen dingfest zu machen. Diese dritte Frage lautet: Was darf ich hoffen? Wer so fragt, kommt nun endgültig unter Pathosverdacht. Denn natürlich hoffen wir alle an diesem Abend des 21. November nur das Beste. Zum Beispiel, dass ein unabhängiger, ein unerschrocken recherchierender Journalismus im Lokalen und im Überregionalen bestehen bleibt und sein demokratietheoretisch begründbares Alleinstellungsmerkmal zu verteidigen vermag, nämlich: Fremdbeobachtung als Selbstbeobachtung zu betreiben, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, tatsächlich Skandalöses effektiv zu skandalisieren, Netzwerke illegitimer Macht wirksam zu stören, unsere verschiedenen Lebenssphären durchschaubar zu machen, kurzum: aufzuklären, Orientierung zu liefern, über die eigene Nahwelt und die fremde Fernwelt zu informieren. Das ist doch klar. Aber diese Rhetorik ist abgegriffen, das merkt man. Vielleicht braucht, so denke ich manchmal, die Verteidigung des Journalismus und der Idee der Zeitung auch eine neue Sprache, die nicht immer schon den Texten der Wohlmeinenden und ohnehin Überzeugten entnommen sein könnte. Ein schönes Beispiel für diese andere Sprache habe ich vor einiger Zeit im Werk eines alten und doch nach wie vor energiegeladenen Journalisten und Autodidakten entdeckt, der im kalifornischen Sausalito auf einem Hausboot lebt. Er heißt Stewart Brand und hat die erste Onlinegemeinschaft der Welt und ein eigenes Beratungsunternehmen gegründet, ein paar Bücher geschrieben und verschiedene Zeitschriften erfunden.

Eine dieser Zeitschriften hieß The Whole Earth Catalog und war ein Magazin der 60er Jahre, das die moderne amerikanische Ökologiebewegung überhaupt erst ermöglicht, ihr eine Stimme gegeben hat. Wie auch immer. Dieser Stewart Brand hat irgendwann – gleichsam auf dem Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte mit ein paar Millionen Lesern – diese Zeitschrift eingestellt, um sich einmal wieder neu zu erfinden und dem Korsett der Prominenz zu entkommen. Auf der Rückseite des Whole Earth Catalog des Jahres 1974 findet sich eine letzte Botschaft an die Leser. Und diese Botschaft scheint mir die beste Hoffnungsformel für die Zeitungsmacher von heute und für einen ideengesteuerten, einen kreativen Journalismus, auf den diese Gesellschaft nicht verzichten kann. Diese Hoffnungsformel lautet: „Stay hungry, stay foolish!“ In diesem Sinne: „Stay hungry, stay foolish!“

1Weber, Stefan (2000a): Was steuert Journalismus? Ein System zwischen Selbstreferenz und Fremdsteuerung. Konstanz: UVK Medien. S. 105.



Jutta Stössinger

Festvortrag bei der Preisverleihung des ERICH-SCHAIRER-PREISES 2004

Zeitzeichen

Zur Entstehungsgeschichte kleiner Feuilletons

Liebe Preisträger,
verehrte Jury-Mitglieder,
sehr geehrte Damen und Herren,

zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich Ihnen eine kleine Anekdote aus meinem redaktionellen Alltag erzählen, der weniger durch die Politik, wie bei Erich Schairer, sondern mehr durch das Feuilleton geprägt war. Dem Fremdwörter-Lexikon habe ich entnommen, dass es sich dabei um einen „im Plauderton geschriebenen Aufsatz“ handelt. Schaun wir mal.

K. und ich, wir kannten uns schon länger, allerdings nur telefonisch. Er wohnte in Gelsenkirchen, war durch einen bezaubernd schrägen Text aufgefallen, und ich hatte ihm unverzüglich mein Entzücken mitgeteilt. Seitdem rief er alle paar Tage mal an (manchmal auch kurz vor Mitternacht bei mir zu Hause), um mir eine seiner neuen Glossen vorzutragen. Weil er eine angenehme Stimme hatte und rundfunkerprobt war, hörte ich zu, obwohl Redakteure normalerweise nichts mehr hassen als die Frage: "Ich hab da was geschrieben, kann ich’s Ihnen grad mal vorlesen?"
K. las also vor: Von seiner Zechtour durch den Ruhrpott mit der Rothaarigen von nebenan; von den Sommernächten im Schrebergarten unter Lampionmonden; der Reise nach Ungarn zur buckligen Verwandtschaft; dem Ritter mit Blauhelm am Arsch der Welt. Lauter verrückte kleine Geschichten, grotesk bisweilen, oft melancholisch und immer von einer ganz unaufdringlichen Menschenliebe gespeist. Ich sagte: "Ja, tüten Sie’s ein, das bringen wir" - und machte mir ein Bild von ihm.
K. tat das gleiche. Einmal, unsere Arbeitsgemeinschaft währte wohl schon zwei Jahre, fragte er nach allerlei umständlichen Entschuldigungen, wie alt ich sei und ob brünett oder blond. Die zweite Frage beantwortete ich wahrheitsgemäß, die erste gar nicht. Ich war tatsächlich verlegen; vielleicht bin ich sogar am Telefon wie ein Schulmädchen rot geworden.
Wir trafen uns schließlich auf der Frankfurter Buchmesse. K. trug eine kesse Krawatte mit einem Amischlitten drauf, die er, wie später herauskam, erst am Hauptbahnhof gekauft hatte. Auch ich hatte mich in Schale geworfen und jene Tigerhose angezogen, die mir dem Anlaß einzig angemessen schien. Immerhin waren wir beide für die FR-Seite "Moderne Zeiten" unterwegs, er als mein Autor, ich als seine Redakteurin, und natürlich wollten wir auch in der Wirklichkeit Eindruck schinden, nachdem wir solange über das gedruckte Wort aneinander Gefallen gefunden hatten. Um es abzukürzen: Wir waren erst sprachlos und mussten dann lachen.
Warum ich Ihnen das erzähle? Es entsteht eine Beziehung über die Jahre zwischen Autoren und Redakteuren, wobei der Redakteur oder die Redakteurin meist mehr vom Autor oder der Autorin weiß als umgekehrt. Der Autor gibt sich preis, er offenbart sein Innenleben und veräußert seine Sicht der Welt. Tut er dies gekonnt, lockt er wiederum den Redakteur aus der Reserve. Der Redakteur schreibt einen Brief oder greift zum Telefonhörer, teilt seine Freude mit, meldet Kritik an, schwadroniert über die literarische Talk-Show vom gestrigen Abend und das schönste Buch der Saison. So erfährt der Autor allmählich auch etwas von den Vorlieben, Abneigungen und Untiefen des Redakteurs. Die beiden lernen sich kennen und schätzen, aber ihr Verhältnis gründet in aller Regel buchstäblich auf Papier. Eine seltsame Liebschaft. Mit merkwürdigen Botschaften. Einige möchte ich Ihnen zu Gehör bringen.

"Liebe Frau Stössinger,
Da verschiedene Lesungen auf dem Programm standen, u.a. in Rostock und auf der Reeperbahn nachts um halb eins, bin ich kaum zur Besinnung gekommen. Nun kehrt endlich wieder ein wenig Beschaulichkeit ein in meine Biographie. In der (neu gegründeten) „Weltbühne“ werde ich allerdings als Nazisympathisant bezeichnet, weil ich mich über Bärbel Boley lustig gemacht habe - dürfen die da drüben jetzt eigentlich alles? Oben sehen Sie mich, wie ich vor allerhand Jahren das Lindbergh-Baby entführt habe. Anbei ein kleiner Text über die Trauer.
Mit schönen Grüßen
Ihr G. H. (Gerhard Henschel)"

"Liebe Frau Stössinger,
Ich würde Ihnen ja einen Beutel Eiswürfel abgeben, aber ich brauche sie alle selbst, da ich z.Zt. bei der Umgestaltung Berlins zur modernen Metropole behilflich bin, d.h. auf dem Bau schufte. Kommen sie dennoch gut über den Sommer. Schon mal polnischen Büffelgras-Wodka probiert? Mörderisch!
In diesem Sinne
J. G. (Johannes Groschupf)"

"Liebe Frau Stössinger,
Sie kennen mein Klagen, daß ich mir manchmal so unsicher bin bei einem Text. Bei Rostock bin ich es wirklich und wohl auch begründet. Mir fehlt es nicht an Material und nicht an Wörtern, sondern an "Wirklichkeitsgefühl". Es gibt da ein Stochern im Nebel, das auch andere beschreiben, das mit dem Spukhaften dieses neuen/ alten Landes zu tun haben muß. Ich muß eine Perspektive für dieses Gefühl der "Undeutlichkeit" finden. Geduld.
Mit freundlichen Grüßen
U. M. (Ursula März)"

Sehr geehrte Frau Stössinger,
ich möchte Ihnen gerne eine Geschichte über das Kauverhalten beim Obstverzehr anbieten. Warum darf man den ganzen Mund voller Banane haben, nicht jedoch z.B. voller Trauben?
Mit freundlichen Grüßen
G. K. (?)

"Liebe Frau Stössinger,
anbei eine kleine Auswahl an Bildmaterial zum Thema "Blutwunder". Außerdem lege ich eine Seite aus einem alten italienischen Magazin bei, wo man die Verwandten des Heiligen in der Betrachtung des Wunders sieht.
Mit freundlichen Grüßen
F. H. (Felicitas Hoppe)

Liebe Frau Stössinger,
Die Geschichte, die ich Ihnen heute schicke, beschäftigt sich mit dem Leben und Sterben einer alten Trinkerin. Sie geht auf einen Vorfall in einem Berliner Mietshaus zurück, eine Alltäglichkeit, in die ich selbst durch allerhand Zufälle verwickelt gewesen bin und die mir gerade wegen ihrer Geringfügigkeit ein bißchen ans Herz gewachsen ist. Ich hoffe, es geht Ihnen in diesen merkwürdig aus Sturm und Trägheit zusammengesetzten Zeiten (wie soll ich sagen) wohl und gut. Schwer genug ist’s manchmal, manchmal leicht.
Mit herzlichen Gruß
M. K. (Michael Kumpfmüller)

Und eine Rückantwort:
"Lieber Herr T. (Fritz Tietz),
Ich küsse Sie und habe Sie soeben zu meinem neuen Lieblingsschreiber gekürt. Da muß sich der Herr H. (Gerhard Henschel) aber anstrengen.
Herzlich
Jutta Stössinger

Die Auswahl der Briefe verdeutlicht, so denke ich, zum einen, in welcher Beziehung Autoren und Redaktion zueinander standen, zum anderen klingt die Bandbreite der Themen, der Tonfall der Texte an, die auf "Moderne Zeiten" platziert wurden und die sich allesamt vor Kurt Tucholskys "Weltbühne" aus den 20er Jahren in Berlin verneigten. Um es gleich vorweg zu sagen, die Seite wurde nach meiner Pensionierung im Zuge einer Strukturreform und notwendig gewordener Sparmaßnahmen eingestellt, aber kleine Feuilletons erscheinen natürlich weiter im Blatt. Auf "Moderne Zeiten" in der damaligen Wochenendbeilage der Frankfurter Rundschau wurden sie allerdings gebündelt und zum Prinzip erhoben.
Von Anfang an lag die Seite konsequent quer zu allen klassischen Zeitungs-Ressorts. Sie sollte durch Witz und Charme, Widersprüche und Doppelbödigkeit, Ecken und Kanten, Haken und Ösen bestechen. Was dem Nachrichten-Redakteur die Haare zu Berge stehen ließe, dem Kollegen von der, im übrigen heißgeliebten Hochkultur zu trivial erschiene, dem Lokal-Reporter zu schöngeistig vorkäme, all das mithin, was durch den Rost des tagesaktuellen, nervenaufreibenden Zeitungsgeschäfts fällt, war für "Moderne Zeiten" genau richtig.
"Klima-Aktuell" sollte die Seite sein, von schrägem Charme, undogmatisch, ideologiefrei. Was so in der Luft und am Wegrand lag, sollte thematisiert werden, neu angeschaut, intellektuell gut abgefedert und mit leichter Hand geschrieben. Ein sogenannter Copy-Test, eine Leser-Umfrage Mitte der 80er Jahre, bei der die FR als "zu männlich" und "zu kopflastig" eingestuft worden war - was immer das auch bedeuten mag -, war der Idee vorausgegangen. Stagnierende Auflagen signalisierten jedenfalls, dass der 68er Bonus, von dem die Zeitung viele Jahre lang gezehrt hatte, irgendwie erschöpft war. Viele Singles lebten in der Stadt, junge Angestellte, besser verdienende Bänker, die keineswegs als bornierte Kapitalistenknechte sondern als durchaus sympathische Gesprächspartner aufgefallen waren.
Unterdessen war die taz erschienen, ein kleines, von der Branche äußerst mißtrauisch beäugtes, Weltwunder. Die Zeit schmückte sich mit ihrem "Modernen Leben". Enzensbergers Transatlantik sorgte in auserlesenen Kreisen für Aufsehen. Der Alltag, zunächst in der Schweiz herausgegeben, später in Berlin redigiert, kreierte den, seit Beginn der modernen Publizistik so verteufelten wie verehrten literarischen Journalismus aufs neue. Und der Frankfurter Pflasterstrand, eine Alternativ-Zeitung der Sponti-Szene, führte vor, wie man Themen gegen den Strich bürstet. Höchste Zeit, auch im eigenen Haus zu modernisieren. Im Nachhinein entbehrt es übrigens nicht einer gewissen Ironie, dass von allen Projekten einzig die taz übrig geblieben ist.
Ich hatte bei der Bielefelder Neuen Westfälischen volontiert und dort eine Weile im Feuilleton gearbeitet und war nach einem Intermezzo bei der Satirezeitschrift Pardon zur Frankfurter Rundschau gekommen. Da wollte ich immer schon hin. Für die Lokalredaktion schrieb ich unter anderem Reportagen aus dem sozialen Leben und kleine Schmonzetten über Gott und die Welt, denn unser Chef, ein Vollblutjournalist, der die Flöhe husten hörte und das Ohr am Boden hatte, gedachte den Leser nicht nur mit Informationen und Kommentaren zu bedienen, sondern auch mit Unterhaltung. Über die Qualität derselben ließ sich - Sie alle kennen dies - natürlich streiten.
So traf es sich gut, dass ein sprachbegabter Kollege mit dem Redigieren der Texte betraut war, der inzwischen wunderbar schwarze, meist in Ulm und auf der schwäbischen Alp angesiedelte Kriminalromane schreibt und Ihnen vielleicht ein Begriff ist: Ulrich Ritzel. Weil es meines Erachtens zum Thema gehört, erlauben sie mir bitte an dieser Stelle einen etwas eitlen Hinweis: Nicht mit einer sozialkritischen Reportage, sondern mit einer kleinen Schmonzette habe ich dann schließlich den Theodor-Wolff-Preis gewonnen.
Hier möchte ich kurz abschweifen, damit die Reportage nicht ins schiefe Licht gerät. Irgendwann einmal bekam ich von Merian den Auftrag, eine Geschichte über die in Bamberg stationierten amerikanischen Soldaten zu schreiben. Nichts leichter als das, dachte ich, hatten wir doch alle unser gesundes Vorurteil gegen die Amis schon quasi in der Schublade. Der Redaktion lagen so brillante wie provokante Farbfotos vor, die Kunststudenten in Bamberg gemacht hatten. Zu sehen waren kaugummikauende GIs, die mit ihren Ghettoblasters auf Parkbänken in Bambergs Fußgängerzone lümmelten und am Payday die Eingänge der wenigen Nachtlokale verstopften.
Natürlich logen diese Fotos nicht. Aber waren sie die Wahrheit? Was ich antraf, waren Ausbildungsoffiziere mit guten Manieren, schüchterne Jungs mit einer netten Bambergerin am Arm oder heimwehkrank vor einer Cola Rum. Mit anderen Worten: Die Story schien geplatzt, Bilder und eigene Wahrnehmung schienen Welten voneinander entfernt. Bis sich der Aha-Effekt einstellte: Genau diesen Widerspruch galt es zu beschreiben. Die Welt ist ja weder schwarz-weiß noch grellbunt. Sie hält vielmehr eine ganze Palette von Zwischentönen, Graustufen, Schattierungen, Nuancen bereit. Reporter wie Angelika Overath, Sabine Riedel oder Erwin Koch haben es mit dieser Erkenntnis und ihrem begnadeten Sprachstil ebenso zur Meisterschaft gebracht wie jene Autoren, denen wir die Juwelen der kleinen Form verdanken.
Ebensolche galt es für "Moderne Zeiten" zu entdecken, zu gewinnen und in Dankbarkeit zu betreuen. Edelfedern für die jeweils zwei Geschichten auf der Seite und die Glosse. Nicht unbedingt nur professionelle Journalisten sollten für die Mitarbeit begeistert werden, sondern auch Schriftsteller oder angehende Schriftsteller, sprachverliebte Querdenker, neugierige Flaneure, Grenzgänger zwischen den publizistischen Genres. Wir haben bei der taz gewildert und beim Pflasterstrand, beim Alltag, beim Freitag und bei der Zürcher Weltwoche. Und siehe da: Die Rechnung ging auf.
Schon nach kurzer Zeit hatte die Seite einen kleinen Fan-Club, war ein fester Autorenstamm herangewachsen, und allwöchentlich kamen neue, noch unbekannte, begabte Mitarbeiter hinzu. Nicht wenige sind später mit Medienpreise ausgezeichnet worden oder mit Büchern hervorgetreten. Astrid Paprotta gehört dazu und Feridun Zaimoglu, Ulrike Kolb, Jamal Tuschick, Silvia Szymanski, Peter Kurzeck, Matthias Horx, um nur einige zu nennen, die den anderen Blick auf die Welt warfen und die ungewöhnliche graphische Präsentation ihrer Texte zu schätzen wussten. Die graphische Gestaltung - das wäre ein eigenes Thema. Nur soviel sei hier gesagt: Design-Studenten, die bei der FR ein Praktikum absolvierten, legten die von ihnen entworfenen "Moderne Zeiten"-Seiten in ihre Prüfungsmappen.
Der andere, fremde Blick auf die Welt, die Exotik des Alltags, der Dschungel der Provinz, die Highlights der Nebenschauplätze, das Geheimnis der Dinge, die Sensationen des Gewöhnlichen - dies waren die Inhalte der Wundertüte, die sich die FR am Samstag auf ihrer letzten Seite in wirtschaftlich besseren Zeiten rund fünfzehn Jahre lang leistete. Vor diesem Hintergrund war alles ein Thema. Vorausgesetzt, ja vorausgesetzt, es wurde klug und schön beschrieben.
In dieser Wundertüte waren zum Beispiel folgende Überraschungen versteckt - eine kleine Auswahl an Überschriften:
Stasi-Stories oder: Die Lust, das Liebste zu verraten - Über Missionen und Männerphantasien im realsozialistischen Sicherheitsministerium.
Die neuen Hedonisten und ihr Eigenheim - Von der Landnahme im Post-Tiramisu-Zeitalter Mit Nick Cave in den Süden - Zwei jugendliche Herumhängerinnen und der Fortgang der Nacht Du immer schön die Treppe putzen! - Ein Afrikaner unter den deutschen Eingeborenen Flattermann und seine Freunde - Wie man sich für ein doofes Brathähnchen eine Menge Arbeit macht Wenn dir das Herz zerspringt - Innenansichten einer sogenannten Anstalt.
Der fremde Blick. Er kann auf den Friseur am Stadtrand fallen oder den Supermarkt gleich um die Ecke, auf den Schrebergarten mit seinem Wildwuchs an liebenswerten Kleinbürgerlichkeiten oder die sterbenslangweiligen Fußgängerzonen zwischen Frankfurt und Wanne-Eickel. Er vermag eine Großbaustelle als erotisch und ein Kaufhaus als kulturelles Ereignis zu erkennen. Er sieht hinter den zerfledderten Briefen und verrosteten Schrauben in der Küchentischschublade eines maroden Fachwerkhauses den alten Mann, der hier einmal gelebt hat. Er dechiffriert den Mythos der schwarzen Lederjacke und den Code der Niedervoltlampe. Und er ist sogar in der Lage, Zeit einzufrieren, Räume zu verdichten. Begeben wir uns mit Michail Bulgakow auf einen mitternächtlichen Streifzug durch das Kiew der Gegenwart; beobachten wir einen Afrikaner bei seiner Feldforschung unter den deutschen Eingeborenen! Alles ist möglich.
Alles wird sichtbar. Federn und Muscheln, Graffities und Comics, Häkeldecken und Zigarrenkisten, Apfelsinenpapier und Postwurfsendungen, Blütenblätter und Faschingslarven, nichts war zu banal für die Illustration der Geschichten, denn nichts ist banal, was eine Geschichte hat. Der russische Künstler Ilya Kabakov hat uns dies unter anderen gelehrt. Lauter Zeichen, Spuren, Bilder, Fotos, die bisweilen ihre eigene Story erzählen. Lauter Empfehlungen an die Kraft der Imagination.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich Ihnen ein "Zeitzeichen", so hieß die wöchentliche Glosse auf "Moderne Zeiten", vorlesen, auch wenn Sie als Preisträger und Jury-Mitglieder natürlich Experten auf diesem Gebiet sind. Sie stammt von dem eingangs erwähnten Herrn K. aus Gelsenkirchen, der sich als Schriftsteller und Tatort-Autor inzwischen einen Namen gemacht hat, weshalb er nun auch namentlich genannt wird. Er heißt Michael Klaus. Und sein "Zeitzeichen" hieß "Lehrer".
"Da gibt es die Deutschlehrer, die eigentlich Lyriker werden wollten und die ihren Schülern drei Tage, nachdem sie die Klasse übernommen haben, ein Gedicht ohne Autorennamen zur Interpretation unterschieben. Es gibt die Mathematiklehrer, die eigentlich Handballprofis werden wollten, aber bei denen die Bänder nicht mitmachten. Dann die Musiklehrer, die in ihrer Jugend zu viele amerikanische B-Filme gesehen haben, in denen exzellente Trompeter in schmutzigen Bars gefallene blonde Engel auf den richtigen Weg zurückbliesen.
Aber die Väter dieser Musiklehrer waren Biologielehrer, die eigentlich als Biologen einer Mikrobe ihren Namen geben wollten, worunter deren Frauen, die wegen der Schwangerschaft ihr Studium der freien Malerei abbrechen mußten, so litten, daß sie davon träumten, gefallene blonde Engel in amerikanischen B-Filmen zu sein. Daraufhin wurden die Söhne in Panik dann doch noch Musiklehrer. Der Philosophielehrer wollte eigentlich an der Börse mit dem Prinzip Hoffnung heute Gewinn mit den möglichen Zahlen von morgen machen. War aber einmal im Überschwang gegen ein Taxi gelaufen, bewegte seitdem sogar die Finger nur noch mit Bedacht, was für die Börse nichts taugt, aber relativ gut in sein Bild des Philosophen paßt.
Da dünstet in den Klassenräumen Punkt acht, bei ungünstigen Busverbindungen für die Schüler entlegener Stadtteile ab Viertel vor, eine Traurigkeit. Diese Traurigkeit ist keine Trauer und schon gar keine Freudlosigkeit. Die meisten Lehrer gehen ja trotzig jauchzend ans Tagwerk. Es ist eine Betrübnis. Es ist mehr noch eine Bekümmertheit. Die sich allerdings im Laufe des Vormittags ausdehnt und gegen vierzehn Uhr mit ihrem fetten Arsch auf dem Schulgebäude sitzt.
Nun fahren die Lehrer nach Hause. Sie gehen sofort ins Arbeitszimmer und stellen ihre Aktentasche rechts neben dem Schreibtischsessel auf den Boden. Neben dem Schreibtisch steht ein Sofa. Sie legen sich aufs Sofa und weinen in ihr kleines Kissen."

Ich danke Ihnen.

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Journalismus zwischen Information und Hysterie

Vortrag bei der Verleihung des Journalistenpreises
der Erich-Schairer-Stiftung

Von Thomas Löffelholz

Anrede, „Wo Pressefreiheit herrscht und jedermann lesen kann, da ist Sicherheit.“ Thomas Jefferson, der Mann, der die amerikanischen Unabhängigkeitserklärung entwarf, sagte diesen Satz. Wo Pressefreiheit ist, da ist Sicherheit. Welche Herausforderung für uns Journalisten. Wie schnell alle Sicherheit dahin ist, wenn die Pressefreiheit verloren geht, das hat man in Deutschland erfahren. Hitler hat 1933 die totale Macht nicht durch Gewehre oder Bajonette errungen; entscheidend war, daß er - kaum an der Regierung - das freie Wort unterdrückte, Bücher verbrennen, Zeitungen zensieren ließ, sie verbot oder enteignete. Zwei Wochen nach der Machtergreifung notiert Goebbels: „ Jetzt haben wir auch eine neue Handhabe gegen die Presse, und nun knallen die Verbote, daß es nur so eine Art hat.“
Erich Schairer, an dessen journalistisches Vermächtnis wir heute erinnern, hat es bitter erlebt. Seine Sonntags-Zeitung war eines der ersten Opfer. Der Verlagsleiter wurde in ein Konzentrationslager gesperrt, die Zeitung für einige Zeit verboten und später nur unter knebelnden Auflagen wieder zugelassen. Erich Schairer selbst durfte seinen guten Namen nicht mehr unter seine Artikel setzen. Drei Sternchen standen für einen großen Journalisten. Bald mußte er die Zeitung verkaufen. Die Nazis hatte ihm ein umfassendes Berufs- und Schreibverbot auferlegt.
Die Freiheit der Wortes ist das Vermächtnis der Aufrechten jener Generation. Alles darf gesagt werden. Die Pressefreiheit deckt auch jede Dummheit, sagen wir: fast jede. Was wird nicht alles geschrieben! Doch wäre es anders, die Zensur wäre nahe: denn wer will entscheiden, was dumm ist und was nicht? Manche „Dummheit“ erweist sich später als Geistesblitz.
Theodor Wolff, der Chefredakteur des „Berliner Tageblattes“, einer der Großen unserer Zunft, hat seinen Zorn hinaus geschrieen, als der Reichstag 1926 das „Schmutz- und Schundgesetz“ verabschiedete. „Schund“, so schrieb er, sei für ihn so unerfreulich wie für jeden anderen, und „Schmutz“ habe auch für ihn einen ekligen Geruch. Doch das Verbot sei „verwerflich und grotesk“, weil es „die Überwachung und Säuberung der Literatur und der Presse einer neu gebildeten Behörde, ... einem Areopag frommer Pädagogen und mütterlich-gütiger Damen, übergab.“ Alles muß gesagt werden können, auch scharf, auch polemisch, sofern es nicht die Rechte und die persönliche Ehre der Bürger massiv verletzt.
Dies ist - für uns als Journalisten - freilich nur die halbe Wahrheit. Denn die Freiheit hat eine Kehrseite; sie heißt Verantwortung. Journalisten haben die Freiheit zur Dummheit, zum Vorurteil, aber sie müssen der Dummheit und dem Vorurteil widerstehen. Sie müssen Interessen durchschauen. Sie dürfen sich nicht zu Propagandisten machen lassen. Sie brauchen Sachverstand und Unabhängigkeit. Sie brauchen auch einen klaren Kopf und kühles Blut. Und sie müssen das, was sie erkennen, verständlich und klar weitergeben können, um dem Leser ein Urteil zu erlauben.
Max Weber hatte sich in seinem berühmten Essay über die „Politik als Beruf“ auch mit dem Beruf des Journalisten beschäftigt. Der Journalist - so schreibt er - gehöre in den Augen der Öffentlichkeit „zu einer Art von Pariakaste, die in der ‘Gesellschaft’ stets nach ihren ethisch tiefststehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt“ werde.
Meinungsumfragen beweisen bis heute: das Sozialprestige des Journalisten ist gering. Zwar haben wir in der Beliebtheitsskala Studienräte und Politiker überholt, die vor 30 Jahren noch weit vor uns lagen. Angesehen sind wir trotzdem nicht.
Max Weber selbst hat uns übrigens verteidigt. Nicht jedermann sei gegenwärtig, so schreibt er wörtlich, „daß eine wirklich gute journalistische Leistung mindestens so viel ‘Geist’ beansprucht wie irgendeine Gelehrtenleistung – vor allem infolge der Notwendigkeit, sofort, auf Kommando, hervorgebracht zu werden und sofort wirken zu sollen, bei freilich ganz anderen Bedingungen der Schöpfung ... Daß die Verantwortung eine weit größere ist, und daß auch das Verantwortungsgefühl jedes ehrenhaften Journalisten im Durchschnitt nicht im mindesten tiefer steht als das des Gelehrten ... wird fast nie gewürdigt.“ Soweit Max Weber.
Natürlich können nicht alle unter uns - vielleicht sind es sogar die wenigsten - solch hohen Anspruch einlösen. Nicht alle sind wir so klug, so informiert, so unpartiisch und manche sind - vielleicht - noch nicht einmal so ehrenhaft. Dies beunruhigt mich nicht. Auch Journalisten sind Menschen.
Dagegen beunruhigt mich, daß in den Medien Emotionen, Engagement und gelegentlich Hysterie eine wachsende Rolle spielen. Lassen Sie mich an einigen Beispielen zeigen, was mir Sorge macht.
Da ist Sebnitz. Ein stiller Ort in Sachsen. Bis der kleine Joseph - sechs Jahre alt - im Sebnitzer Freibad von Neonazis ertränkt wird. Ein paar hundert Bürger schauen teilnahmslos zu, vielleicht sogar mit klammheimlicher Freude. Die Polizei kehrt das Verbrechen unter den Teppich. Ein Abgrund an Herzlosigkeit. Sie hat einen Namen: „Sebnitz“. Kann man sich dies überhaupt vorstellen? Kann man sich vorstellen, daß keiner der 300 Badegäste - Leute wie Du und ich - aufschrie: Das ist Mord!
Offenbar fällt es leicht, es sich vorzustellen und dagegen aufzustehen, als anständiger Journalist. Das haben wir getan. Wir sind für das Gute verantwortlich. Da mußte einfach gesagt werden, was von Sebnitz zu halten ist, - in jedem einzelnen heute-journal, jeder Tagesschau und auf jeder Titelseite, nicht einmal, tagelang.
Bis sich herausstellt: Das Unvorstellbare hat nicht stattgefunden. Die Zeugen des Mordes sind zweifelhaft. Ihrem Erinnerungsvermögen ist mit kleinen Geschenken nachgeholfen worden. Hunderte Badegäste haben nichts gesehen, weil nichts geschah. Dabei hätte stutzig machen müssen, daß noch nicht einmal die eigene Schwester, die mit Joseph in der Badeanstalt war, die Untat beobachtete.
Da muß der Bundespräsident nach Sebnitz fahren, um einer Stadt, die am Pranger steht, Trost zu spenden. Sebnitz zeigt, wie gefährlich es für die Wahrheit ist, wenn Emotion und Abscheu die Oberhand gewinnen und Berichterstatter nicht mehr hinsehen und prüfen. Es ist das schlimmste, wenn Institutionen der Demokratie - und dazu gehören auch die Medien - sich unglaubwürdig machen.
Es ist wahr: man soll Einzelfälle nicht aufbauschen. Aber begegnen wir solchen Dingen nicht immer wieder. Erinnern wir uns an die Ölplattform Brent Spar. Es war ein ungeheurer Skandal, noch ungeheuerlicher, weil die britische Regierung die Versenkung im Atlantik genehmigt hatte. Greenpeace rief zum Boykott von Shell auf, die Weltmeere waren bedroht. Über Wochen hin füllten die Katastrophenmeldungen die Medien, hierzulande weit mehr anderwärts. Wir retteten die See, indem wir uns weigerten bei Shell zu tanken, bis Shell zu Kreuze kroch und in Anzeigen verkündete: „Wir haben verstanden“. Man schleppte die Brent Spar nach Norwegen und zerlegte sie an Land.
Doch dann kommt heraus, daß Greenpeace mit falschen Zahlen gearbeitet hatte. Die Umweltschützer haben das - als alles vorbei war - auch eingeräumt. Doch auch wenn die Zahlen gestimmt hätten, wäre mit der Brent Spar weniger Schmutz in den Atlantik versenkt worden, als aus den Bohrlöchern in der Nordsee an jedem Tag ins Meer läuft, unkritisiert. Inzwischen bestreitet kaum jemand, daß es für die Umwelt das Beste und für die Menschen das Sicherste gewesen wäre, man hätte die Brent Spar versenkt.
Journalisten haben das Recht auf Irrtum. Aber ich frage mich, wie kam es hier zur Hysterie? Warum bekamen die ruhigen Stimmen der Wissenschaft keine Chance? „Wo Pressefreiheit ist, da ist Sicherheit.“ Schon gut, aber die Medien werden sie nur vermitteln können, wenn nicht nur Greenpeace eine Chance hat.
Oder nehmen wir BSE. Panik brach aus, als in Deutschland der erste Fall der Rinderseuche entdeckt wurde. Das Thema beherrschte wochenlang die Titelseiten. Der Rindfleischmarkt brach zusammen. 170 000 Rinder wurden mit Steuergeldern aufgekauft, das Fleisch zum Teil nach Nordkorea verschenkt, überwiegend aber vernichtet. Die Kosten: einige 100 Millionen Euro.
Für 70 Prozent der Bundesbürger war damals BSE das Thema Nummer 1. Was ist Arbeitslosigkeit, wenn man den Tod vor Augen hat. Aus Großbritannien kam pünktlich die Nachricht, daß voraussichtlich 136 000 Engländern an der - von BSE ausgelöste - „neuen Variante“ der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sterben würden.
Nun gehört es zu den Aufgaben der Medien, vor Risiken zu warnen. Die erregte Debatte hat dazu geführt, daß die Kontrollen ernster genommen und verschärft wurden. Umgekehrt ging in der Panik jede Nachricht unter, die nicht in das Bedrohungsszenarium paßte. In Großbritannien hatte man seit Mitte der 80er Jahre 180 000 BSE-Fälle registriert. Da aber die ersten wirksamen BSE-Tests erst Mitte der neunziger Jahre zur Verfügung standen, schätzt man, daß die Briten das Fleisch von 800 000 BSE-kranken Rindern ahnungslos verspeist hatten.
Und nun kommt das Wunder: die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit tritt in England bis heute (also knapp 20 Jahre nach dem Ausbruch des Rinderwahns auf der Insel) nicht häufiger auf als in Deutschland. Auch die Nachricht, daß in dem Jahr, in dem in Deutschland der erste BSE-Fall registriert wurde, gerade einmal 80 Briten an der Creutzfeldt-Jakob- Krankheit starben, hätte beruhigen können. Seit 1998 sinkt übrigens die Zahl der Creutzfeldt-Jakob-Opfer in GB von Jahr zu Jahr. Das heißt nicht, daß hier keine Gefahr ist. Doch wir haben nicht nüchtern informiert. Wir haben eher Hysterie geschürt.
Fünf Monate nach der Panik war BSE übrigens nur noch für ein Prozent der Deutschen das Thema Nr. 1. Der Rest aß soviel Rindfleisch wie vor der Krise. Wer an die Ängste und an die Kosten denkt, muß sich fragen, ob wir der Herausforderung nüchterner Information gerecht wurden. Oder nehmen wir Philipp Jenninger. Er hält eine Rede zum Gedenken an die Reichpogromnacht. Eine Katastrophe. Mit Knobelbechern sei der Bundestagspräsident durch die deutsche Geschichte marschiert. Die Rede hätte man einem Schuljungen um die Ohren geschlagen. Schämen Sie sich, Herr Präsident! - All dies wörtliche Zitate aus den Einheitschor der deutschen Pressestimmen. Aus dem Ausland schallt es zurück. Die Deutschen machen sich aus ihrer Vergangenheit davon! Zwei Tagen später tritt Jenninger zurück.
Der wahre Skandal aber war nicht die Rede, sondern die Reaktion darauf. Das heißt nicht, daß jedermann gut finden mußte, was Jenninger sagte. Es ist auch wahr, daß der Präsident rhetorisch durch seinen Text eher stolperte. Das kann man kritisieren.
Doch daß sich in den deutschen Medien keine Stimme - von der StZ abgesehen - zugunsten eines Mannes erhob, der jahrelang intensive Kontakte nach Israel gepflegt hatte, das muß doch nachdenklich stimmen. 1985 hatte der gleiche Mann in einer Rede zum gleichen Anlaß vor der Gesellschaft für deutsch-jüdische Zusammenarbeit gemahnt: „Erinnern heißt, vor der Vergangenheit nicht die Augen zu verschließen, auch wenn dies ein schmerzhafter Akt ist.“ Redet so einer, der Nazi- Unrecht herunterspielen will?
Es waren Simon Wiesenthal, der Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums, Teddy Kollek, der Bürgermeister von Jerusalem und Robert Kemper, der Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, die Jenninger gegen die hysterische Verdammung verteidigten.
Die Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer, Nilde Jotti, eine Kommunistin, erklärte: „Ich habe noch nie von einem deutschen Politiker eine so reiche und mutige Analyse des Nazismus gehört.“ Der Schweizer Schriftsteller Alberto Nessi berichtet, er sei erstarrt, als er den Text der Rede zu Gesicht bekam: „Die Rede ist genau das Gegenteil von dem, was mich die Journalisten haben glauben machen wollen. ... Kein Versuch der Rechtfertigung ..., sondern einzig und allein, der Versuch die Vergangenheit zu erklären. ... Eine Argumentation gegen das Vergessen ... Wie ist es nur möglich, daß seine Worte so verdreht werden konnten?“
Ignaz Bubis bekannte später, daß er als Test Jenningers Rede bei öffentlichen Anlässen vorgetragen habe. Niemand nahm Anstoß. Weil es nichts Anstößiges gab. Viele der großen Blätter im Ausland, britische, italienische, israelische entschuldigten sich, als sie die Rede gelesen hatten. Hierzulande entschuldigte sich niemand.
Der Satz, daß wo Pressefreiheit herrscht, Sicherheit ist, galt für Philipp Jenninger nicht.
Ich versage mir die Hysterie um den Teuro unter die Lupe nehmen, obwohl sie ein interessantes Objekt ist. - Ich überspringe auch die Panik, die uns Anfang der 80er Jahre im Angesicht des Waldsterbens ergriff. „1990 ist der deutsche Wald tot“, stand damals über vielen Artikeln. Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch. Der Wald hat sich nicht darum gekümmert. Die Waldfläche und auch der Holzbestand sind heute größer als in jener Zeit der Panik, ja es gibt 2002 in Deutschland mehr Wald als jemals zuvor seit dem frühen Mittelalter. Das heißt nicht, daß das Waldsterben kein Thema war. Bedenklich war die Hysterie, in der wir es abhandelten.
Ich will die Beispiele nicht ins Unendliche fortsetzen. Doch zwei andere müssen noch sein. Es sind jene, die bei mir das kritische Nachdenken über unsere schöne neue Mediengesellschaft auslösten.
Da war der Golfkrieg. Es war die Zeit, in der Abend für Abend in die Bilder der Tagesschau und des heute-journals und auf den Titelseiten vieler deutscher Zeitungen der Hinweis eingeblendet wurde: „Die Nachrichten vom Golf sind zensiert.“ Dieser hysterische Hinweis hat mir einen professionellen Schock versetzt.
Ich haben neunzehn Jahre lang als Korrespondent Nachrichten geschrieben. Über Gipfelkonferenzen, Ministerrats-, Kabinetts-, Fraktionssitzungen, über Tarifverhandlungen, Aufsichtsratsbesprechungen, Tagungen der Notenbanker der Welt. Und die Wahrheit ist: ich saß nie mit am Tisch. Ich saß immer draußen vor der Tür. Gelegentlich war das Pressezentrum 60 Kilometer vom Tagungsort entfernt. Abends schwebten die Sprecher ein und verkündeten das Geschehene. Wir stellten kritische Fragen, wir spielten die verschiedenen Delegationssprecher gegeneinander aus, wir bericheten nach bestem Wissen und Gewissen. Aber es blieb eine gefilterte Wahrheit. Die Korrespondenten von ARD und ZDF saßen immer neben mir. Und nie ist ihnen eingefallen, auf dem Bildschirm die Bemerkung einzufügen: die Nachrichten aus xyz sind zensiert.
Bis der Golfkrieg kam. Und da ist die bohrende Frage: Warum? Warum damals? Und warum haben wir seit dem Ende dieses Krieges nie mehr einen Zensurhinweis auf dem Bildschirm gesehen? Weil die Zensur vorbei ist? Weil wir inzwischen wieder nur am Born der Wahrheit schöpfen? Man darf die Naivität nicht übertreiben. Mäßen wir unsere Berichterstattung mit dem Maßstab des Golfkrieges, wir würden Tag für Tag mit Zensurhinweis erscheinen.
Der Zensurhinweis war in Wahrheit ein publizistisches Instrument von Kollegen, die diesen Krieg aus tiefster Überzeugung ablehnten. Gegen den Krieg zu sein, ist ihr gutes Recht. Auch wenn man fragen kann, ob Saddam, der Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt und ein unabhängiges Land, das Mitglied der Vereinten Nationen war, überfallen und seinem Staat einverleibt hatte, soviel Fürsorge verdient. Aber gut: Es ist legitim zu sagen und zu schreiben: die Gefahren sind zu groß. Es ist auch legitim zu sagen: als Pazifisten lehnen wir jeden Krieg ab. Es ist aber nicht legitim, dem Bürger journalistisch ein X für ein U vorzumachen. Mit dem Zensurhinweis wurde der journalistische Ausnahmezustand ausgerufen. Wir teilten dem Bürger mit, daß er von jetzt an nichts mehr glauben könne. Es war blanke Hysterie und sie erfaßte fast alle. Wochenlang rannten wir - angeführt gerade von den Gurus des kritischen Journalismus - herum und entschuldigten uns täglich mehrfach dafür, daß wir leider nicht die ganze furchtbare Wahrheit hätten berichten können. Die Zensur fessele uns die Hände.
Ein Journalistikprofessor empfahl auf einer selbstkritischen Tagung in der Akademie Bad Boll, man müsse bei der journalistischen Behandlung solcher Ereignisse auf "Reflexion" statt auf "Aktionsorientierung" und auf "Empathie und Parteilichkeit für das Leiden und die Opfer" setzen. Das hatten wir freilich reichlich getan: die Erde hatte sich in unseren Berichten - durch die brennenden Ölquellen - verdunkelt, das Weltklima hatte sich abgekühlt, nach wenigen Tagen hatten wir - gestützt auf die Erregung eines Ex-Bundeswehrgenerals und MdBs - dem Leser mitgeteilt: Jetzt seien im Irak 300 000 tot. Wir waren hysterisch.
Der Deutsche Journalistenverband verkündete in einem Leitartikel seiner Verbandszeitschrift, wir stünden "in diesem Informations- und Medienzeitalter sprachlos vor der Nicht-Information." Nie waren wir kritischer und selbstkritischer. Aber es war eine verlogene Diskussion. Natürlich gab es Zensur, weniger durch eine Kontrolle der Texte - wie ehedem in der Sowjetunion - sondern dadurch, daß man nicht in den Irak und nicht an die Front kam. Und doch: wenn mich jemand gezwungen hätte, meinen Kopf zu verwetten - entweder dafür, daß wir die Entwicklung am Golf einigermaßen korrekt schilderten oder dafür, daß die Nachrichten stimmten, die wir zur gleichen Zeit über die Vorgänge im Kreml verbreiteten, ich hätte mich für die Golfberichterstattung verbürgt. Denn was hinter den Kremlmauern passierte - Schewardnadse war gerade zurückgetreten und man wußte nicht, ob Gorbatschow mit den Reaktionären paktierte - war undurchschaubar.
Umgekehrt wären uns ernsthafte Veränderungen am Golf - angesichts der Interessen beider Seiten - nicht lange verborgen geblieben. Hätte es im Irak viele zivile Opfer gegeben, hätte Saddam Reporter-Scharen an den Ort der Untat gekarrt. Umgekehrt wäre eine dramatische militärische Veränderung am Golf dem gewaltigen Medientross der Alliierten allenfalls für Stunden verborgen geblieben.
Mein letztes Beispiel soll das Bild sein, das die westdeutschen Medien in den 80er Jahren von der DDR zeichneten. Es hatte - wie sich am 9. November 1989 zeigte - keinerlei Bezug zur Realität. Dabei kritisiere ich nicht, daß wir den totalen politischen, ökonomischen und moralischen Zusammenbruch der DDR nicht vorausgesehen haben. Der Kollaps einer Diktatur - zumal sie der Vorposten einer Supermacht war - war nicht zu prognostizieren.
Aber wir nahmen auch die real existierenden Zustände im real existierenden Sozialismus nicht wahr. Wir übersahen, daß dieser Staat - hinter dem antifaschistischen Schutzwall, inmitten seiner stinkenden Umwelt, mit seinen zerfallenden Stadtzentren und einer unübersehbaren Stasi - ein politisch-moralisches Bankrottunternehmen war. Genauer: wir wollten es nicht sehen. Es paßte nicht in unsere Vorstellungen einer Welt, in der der Ausgleich mit den Mächtigen der anderen Seite oberstes Gebot war. Das heißt nicht, daß die Politik nicht mit Honecker oder Breschnjew ernsthaft reden mußte. Politik geht nach der Macht. Aber Journalisten müssen nicht weggucken. Wir feierten diese bankrotte DDR als zehnstärkste Industrienation der Welt. Wir unterdrückten, wie die Straßen aussahen, daß in ganzen Straßenzügen kein Dach mehr intakt war. Wer darüber berichtete, war als Kalter Krieger abgestempelt. Und jene, die sich als die Vorreiter des kritischen Journalismus der Republik einen Namen gemacht hatten, schauten am entschlossensten weg.
Das war kein Zufall. Es liegt in der Sache. Hier wurde mit jener Empathie und Reflexion gearbeitet, die der schon zitierte Professor in Bad Boll angemahnt hatte. Die kritischen Kollegen unter uns waren viel zu sehr damit beschäftigt, die Welt um eines guten Endes willen ihren politischen Vorstellungen anzupassen, um noch einfach hinschauen zu können. Rainer Kunze, der aus der DDR geflüchtete Dichter, hatte schon zehn Jahre zuvor die Unfähigkeit und Unwilligkeit der westlichen Medien beklagt, die östliche Realität wahrzunehmen.
Sebnitz und die Brent Spar, BSE und der Golf-Krieg, die Jenninger-Rede, das Waldsterben oder die DDR: dies alles sind Themen, die journalistische Berichterstattung und Auseinandersetzung verlangen. Wir hätten versagt, hätten wir die Themen nicht aufgegriffen. Problematisch ist nur, daß über der Emotion, ja Hysterie, die nüchterne, unparteiische Information auf der Strecke blieb, mit schlimmen Folgen für die Betroffenen, ich denke an Sebnitz, an Jenninger, aber auch an die Landwirte, die unter der BSE-Panik litten.
Vielleicht sagen Sie: das sind nette Beispiele! Aber Beispiele kann man für fast alles finden. Spiegeln sie wirklich einen Trend in unserem Beruf wider? Ich meine: die Beispiele sind kein Zufall. Es gibt im Journalismus Tendenzen zu einer emotionaleren, um nicht zu sagen hysterischeren Berichterstattung. Ich will versuchen, einigen davon nachzugehen.
1. Der Strom der Informationen hat sich durch die moderne Nachrichtentechnik ungeheuer beschleunigt. Katarakte von Nachrichten stürzen auf uns ein. Können wir sie noch einordnen, verarbeiten, ja auch nur wahrnehmen? Verlieren wir die Distanz, die zu einem nüchternen Urteil gehört? Wenn die Wissenschaft irgendwo eine Gefahr entdeckt, sie wird uns verläßlich gemeldet, wir greifen sie auf, sofort. Vor Gefahren muß man schnell warnen. Doch was geschieht, wenn sich der Alarm bei genauerer Untersuchung als Fehlalarm erweist oder der Unglücksbote gar kein fachkundiger Wissenschaftler war? Sind wir bereit, die Dinge durch eine intensive Korrektur wieder ins Lot zu bringen?
2. Das zweite sind die Bilder. In der Ecke unseres Wohnzimmer, in der der Fernseher steht, entwickeln sich Kriege und Bürgerkriege, liegen die Trümmer jedes abgestürzten Flugzeugs. Jede Seilbahnkatastrophe, jedes größere Busunglück, wo immer es geschieht, erleben wir mit. Die Türme des World Trade Centers stürzen vor unserem Sofa zusammen, Sekundenbruchteile später als in Manhattan selbst. Die Allgegenwart der Bilder verändert unsere Bild der Welt. Und sie verändert den Beruf des Journalisten.
3. Der Wettbewerb zwischen den Medien hat sich enorm verschärft. Das verstärkt die Neigung, Nachrichten zu dramatisieren, peppige Schlagzeilen zu formulieren, um den Leser und Zuschauer zu gewinnen und zu binden.
Vor allem aber geben wir uns nicht mehr damit zufrieden, nur zu schauen und zu berichten, was gerade stattfindet. Die Neigung, selbst Nachrichten zu machen, ist stark gestiegen. In vielen Redaktionen wird heute an jedem Morgen die Frage gestellt: „Haben wir etwas ‘Agenturfähiges’“. Wo lassen sich neue Akzente setzen? Wer könnte zu einer Frage ein spannendes Interview geben? Kann man irgend jemanden zu einer unerwarteten, Aufsehen erregenden Stellungnahme bewegen? Die Meldung wird dann an Nachrichtenagenturen weitergegeben, in der Hoffnung, daß sie mit Angabe der Quelle, also mit unserem Namen, weiterverbreitet werden. Es ist gut, in aller Munde zu sein.
4. Schließlich hat sich in den letzten Jahrzehnten das Selbstverständnis der Journalisten verändert. Die Neigung ist gestiegen, als die wahre Herausforderung unseres Metiers nicht die nüchterne Information anzusehen, sondern den „kritischen“, den „investigativen“ Journalismus. Die Dinge müssen nicht einfach berichtet, sie müssen kritisch hinterfragt werden. Das kann man nicht tadeln, solange über der Kritik die Selbstkritik nicht vergessen wird, das heißt solange man bereit ist, auch Dingen Raum zu geben, die nicht in das eigene Bild passen. Leider lehrt die Erfahrung, daß gerade kritische Journalisten oft überaus unkritisch sind, wenn es um Dinge geht, die nicht ins Bild passen. Die DDR-Berichterstattung war dafür ein Beispiel.
Alle diese Entwicklungen führen dazu, daß Distanz verloren geht. Was die aufwühlenden Bilder anlangt, so wühlen uns ja nicht nur die großen Tragödien, wie der 11. September oder die Geiselnahme in Moskau oder der Anschlag in Bali, auf. Auch wenn in Moskau eine Gasleitung explodiert und 8 Menschen sterben, sehen wir das zusammengestürzte Haus, genauso wie den - wegen einer Bombendrohung - geräumten Flughafen von Sydney am andern Ende der Welt. Eine Oleum-Wolke - durch eine Explosion in einer Chemiefabrik entstanden - zieht über Frankfurt. In Palästina sind zwei Menschen erschossen worden. Ein Sportflugzeug mit drei Mann an Bord ist in Spanien abgestürzt. Alles findet - mehr oder minder live - in unserem Wohnzimmer statt. Was für eine Welt!
Von der Oleum-Wolke werden wir nichts mehr hören, sie hat sich folgenlos aufgelöst und aus Sydney hören wir auch nichts mehr. Es gab keine Bombe, es war ein makabrer Scherz.
Und doch haben wir die Angst miterlebt und über all dem Unglück vergessen, daß es in unserer Straße oder unserer Stadt am gleichen Tag ganz gemütlich war. Umgekehrt blieb unerwähnt, daß an diesem Tag wieder rund 150 000 Menschen gestorben sind, eine ganze Großstadt, fast alle freilich eines natürlichen Todes, was das Leid von ein paar Millionen Verwandten und Freunden nicht kleiner macht. Ein paar tausend von ihnen sind aber auch verhungert oder verunglückt. Nichts davon erscheint auf dem Bildschirm, was die Frage aufwirft, ob die Welt, die wir da sehen, nicht in Wahrheit eine virtuelle Welt ist, oft davon bestimmt, ob eine Kamera vor Ort war.
Auch die Suche nach der exklusiven Nachricht verändert die Medienwelt. Denn das wirklich Dramatische - und davon gibt es ja genug - wird meist ohnehin bekannt. Wer Exklusives berichten will, muß also Meldungen hochspielen, ihnen einen zusätzlichen Kick geben.
Nebensächliches, ja Abwegiges gerät plötzlich in den Mittelpunkt. Wir brauchen Leute, die Widerborstiges, Ärgerliches, Anstoß-Erregendes sagen und gedruckt sehen wollen. Der Wunsch Exklusives, Unerhörtes zu berichten, wird obendrein durch die Neigung des kritischen Journalisten verstärkt, das Gängige in der Gesellschaft infrage zu stellen.
Das hat Folgen: Außenseiter und Randfiguren werden so zu Kronzeugen. Politischen Hinterbänklern ist eine Schlagzeile sicher, wenn sie nur sagen, der Parteichef, Minister oder gar der Kanzler solle zurücktreten. Ob sie kompetent sind oder irgendeinen politischen Einfluß haben, ist dann unerheblich.
Was für Hinterbänkler gilt, gilt auch für Außenseiter anderwärts, in der Wissenschaft beispielsweise. Sie hat Kassandras hervorgebracht. Wir wissen, wo sie sitzen und daß sie Antwort geben, wann immer wir zum Telefon greifen und was immer wir sie fragen. Und wir rufen sie an, auf der Suche nach der dramatischen Nachricht.
Organisationen wie Greenpeace, BUND, Tierschützer und Verbraucherschützern wächst durch dieses publizistische Interesse an möglichst dramatischen Meinungsäußerungen großer Einfluß zu. Sie bestimmen die Themen und die Diskussion über viele Fragen - die Brent Spar ist nur ein krasses Beispiel. Dabei sind sie Partei und tragen ihre Argumente keineswegs sine ira et studio vor. Manche vertreten ihre Ziele sogar überaus militant.
Ihr Engagement und auch ihre Einseitigkeit sind natürlich vollkommen legitim, zumal sie sich oft jener Fragen annehmen, die in der Gesellschaft zu kurz kommen. Die Medien aber müssen sich fragen, ob sie dem Bürger die Möglichkeit geben, diese Stellungnahmen einzuordnen. Veröffentlichen wir nicht viele dieser Katastrophennachrichten ohne jede Distanz. Ich will nicht noch einmal die Brent Spar bemühen. Ich nehme nun doch den Teuro. Die Verbraucherschützer, sonst eher behutsam, haben in den ersten Monaten dieses Jahres die Debatte kräftig angeheizt. Kaum eine Nachrichtensendung, in der nicht irgendeiner ihrer Vertreter die Chance erhielt, den Teuro auf die Anklagebank zu setzen. Ich kritisiere die Verbraucherschützern nicht. Sie haben das Recht, ihre Meinung zu sagen, auch wenn sie eher vom Gefühl diktiert ist.
Ich werfe uns Journalisten vor, daß wir in den Hiobsbotschaften geschwelgt haben, ohne daß irgendjemand einmal sagte, daß die Verbraucherorganisationen über keinerlei Apparat verfügen, um Preise repräsentativ zu erheben. Wie sollen sie ermitteln, in welchem Umfang ärgerliche Preiserhöhungen durch Preissenkungen aufgewogen werden.
Wie sollen sie die Gründe der Teuerung im Januar 2002 auseinanderhalten: Was geht auf die Öko- und Tabaksteuererhöhung zurück, was auf die dramatischen Frostschäden bei Obst- und Gemüse, was auf allgemeine Teuerung und was auf den Euro.
Wir haben Emotionen weitergegeben. Das war nicht Schicksal. Das Statistische Bundesamt - das Monat für Monat 320 000 Preise erhebt - hat schon im Januar in einer detaillierten Studie dargelegt, in welchen Bereichen die Preise Euro-bedingt überdurchschnittlich stiegen und welche Wirkung der Euro insgesamt hatte. Die Bundesbank ist der Teuro-Hysterie bereits in ihrem Februarbericht entgegengetreten und nocheinmal im Juli. Sie schreibt, daß eine Verteuerung um 0,2 % „eher die Obergrenze des Euro-Einflusses“ darstelle.
Der Einspruch der Experten verhallte in der Teuro-Hysterie. Warum sollte man sich ein so schönes Thema wie den Teuro durch Information kaputtmachen? - Dies ist keine Nebensache. Denn mit Sicherheit hat jene emotionale Teuro-Debatte an der Kaufzurückhaltung einen wichtigen Anteil, die den Einzelhandel 2002 schwer trifft und viele Arbeitsplätze gekostet hat. Und die Frage ist schon: haben wir hier die Verantwortung zur Information wirklich wahrgenommen?
Dolf Sternberger, einer der großen Politikwissenschaftler der Nachkriegszeit, hat vor fast 40 Jahren in einem Vortrag über die „Rolle der Journalisten im Staatsleben“ plastisch geschrieben: "Der erste und wahrhaft elementare Beitrag der Journalisten zum Staat - das erste, was sie in Freiheit für den Staat tun, auch tun müssen und tun sollen, ist, nicht zu regieren oder die Regierung zu beraten, ist nicht zu opponieren, nicht zu kritisieren, nicht zu kontrollieren, es ist auch nicht die Meinungsbildung, und es ist auch nicht die Willensbildung, sondern das erste ist die Information, die Nachricht, die Unterrichtung ... Sie werden mir sagen: das ist eine Binsenwahrheit. .... Aber Binsenwahrheiten haben es vielfach an sich, daß man sie ... vergißt, weil man sie für selbstverständlich hält." So Sternberger 1964. Und man kann fragen, ob dieser Vorrang der Information in unserer neuen schönen Medienwelt nicht noch stärker infrage gestellt ist.
Ich glaube nicht, daß man das Rad der Mediengeschichte zurückdrehen kann. Ich bin kein Bilderstürmer. Bilder machen uns auch reich, weil sie uns ferne Kontinente, andere Menschen nahe bringen können. Sie sprechen unsere Emotionen an, und damit auch unsere Menschlichkeit. Aber gerade weil Bilder uns packen, muß man - in einer von Bildern geprägten Medienwelt - auch die Probleme der Bilder sehen. Bilder sind nicht ohne weiteres authentisch. Das Haus der Geschichte in Bonn hat 1999 eine Ausstellung gezeigt, unter dem Titel - „Bilder, die lügen“. Man sah Prominente zu Gruppen montiert, die so nie existierten, man sah wie die Sowjetsoldaten nach der Eroberung Berlins ihre Fahne auf der Ruine des Reichstags hissen. Nachgestellt. Aus dem Bild einer heiteren Kinderkrippe hat man das Foto eines Kinder-KZs gemacht. So wurde es veröffentlicht. Es sollte mahnen. Doch die Mahnung war Lüge.
Aber selbst wenn man nicht so weit geht: Bilder sind nicht einfach Abbild von Realität, auch dann nicht, wenn sie nicht gestellt oder verfremdet sind. Sie können täuschen, weil sie weglassen, akzentuieren, Nebensachen in den Mittelpunkt rücken können. Auch dies ist nicht unberechtigt. Der Journalist soll ja den Blick auf Dinge richten, die übersehen, die vergessen werden. Und doch dramatisieren Bilder oft nebensächliche Details derart, daß sie eher desinformieren als informieren. Das legt den Medien die Verantwortung auf, dem Bürger die Maßstäbe zu liefern, um die Bedeutung der Bilder beurteilen zu können. Denn wir sind als Journalisten, ob mit dem Wort oder dem Bild, dazu da, dem Leser die wahre Welt zu zeigen, so gut wir dies vermögen.
Bei der Suche nach dem Exklusiven, dem Sensationellen, dem Unglaublichen tut Augenmaß not. Denn sehr oft stellt sich heraus, daß das Unglaubliche, Unvorstellbare nicht stattgefunden hat. Sebnitz ist ein Beispiel, aber es gibt viele Sebnitz’. Geben wir, wenn ein Welle des Abscheus oder der Angst durchs Land braust, auch den ruhigeren Stimmen Gehör. Oft sind sie die glaubhaften. Vertrauen wir uns nicht ganz den Kassandras an, auch wenn wir ihre rabenschwarzen Prognosen lieben. Hören wir andere Stimmen, obwohl viele skrupulöse Wissenschaftler verständlicherweise eher leise argumentieren, weshalb ihre Stimme gegen den Chor wissenschaftlicher Überzeugungstäter oft nicht ankommt.
Reden wir uns aber auch umgekehrt die Welt nicht schön, wie im Fall der DDR, weil wir glauben, wir müßten Brücken schlagen. Unsere erste Aufgabe ist nicht, Brücken zu schlagen, unsere erste Aufgabe ist Informationen zu liefern.
Nur dann kann man sich auf die Weisheit des Thomas Jefferson verlassen: Wo Pressefreiheit herrscht, da ist Sicherheit. Sorgen wir dafür.
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Prof. Dr. Kurt Sontheimer

Festvortrag bei der Preisverleihung des ERICH-SCHAIRER-PREISES 1999

Am 8. November 1999, Stuttgart Stadtbücherei Wilhelmspalais

Ist der politische Journalismus in der Krise?
Die Freiheit der öffentlichen Meinungsäußerung und Meinungsbildung ist ein unverzichtbares Gut der Demokratie. Sie war hart umkämpft und hat sich erst nach schweren Konfrontationen mit der Staatsmacht bei uns durchsetzen können. In Deutschland hat erstmals die Weimarer Reichsverfassung der Pressefreiheit zu ihrer verfassungsmäßigen Anerkennung und Durchsetzung verhelfen, doch diese Periode währte leider nicht lange; sie mündete in den totalitären Staat der Nationalsozialisten, in dem die liberale Pressefreiheit radikal beseitigt und das Pressewesen durch ein Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda gesteuert wurde, das die Freiheit der Meinungsbildung und -äußerung rabiat unterdrückte, ein furchtbarer Rückfall.
Erich Schairer, dessen Familie den Förderpreis gestiftet hat, den wir heute in seinem Namen verleihen, war einer der leider nicht so zahlreichen Journalisten, die sich in den schwierigen Jahren der Weimarer Republik für diese Republik und ihre soeben gewonnenen demokratischen Freiheiten einsetzten. Er hat sich mit den Kollegen seiner Redaktion von der "Sonntags-Zeitung" darum bemüht, die Gefahren, die dem Bestand und der positiven Entwicklung dieser Republik von so vielen Seiten drohten, zu benennen und zu analysieren. Er tat dies nicht als Vertreter einer Partei, sondern als ein unabhängiger, der Idee der Wahrheit, des Rechts und der Freiheit verpflichteter politischer Journalist, dem es zur Pflicht wurde, "die Verlogenheit, Gemeinheit und Dummheit," die er im öffentlichen Leben seiner Zeit vielfach wahrnahm, zu enthüllen und anzuprangern, in der leider vergeblichen Hoffnung, dem Guten und Gerechten eine Chance zu eröffnen und die Republik zu bewahren. Damit war es, als die Nazis 1933 an die Macht kamen, zu Ende, doch Schairers Sonntags-Blatt ist, wie man an der 1989 veröffentlichten Auswahl aus diesem Oppositionsorgan bestens studieren kann, ein beeindruckendes Beispiel für einen kritischen Journalismus in demokratischer Verantwortung. Schairer hatte mit seinen Warnungen vor dem Unheil des Nationalsozialismus recht gehabt. Diesem mutigen politischen Journalisten mit seiner starken Verwurzelung im schwäbischen Raum wurde nach dem Verderben, das Hitlers Regime über Deutschland gebracht hatte, in seinem späteren Leben noch einmal die Chance gegeben, bei der "Stuttgarter Zeitung" seine demokratische Gesinnung und sein journalistisches Talent in den Wiederaufbau einer demokratischen Ordnung in Deutschland zu investieren. Diese zweite Republik kann nun auf eine fünfzigjährige Geschichte zurückblicken, die man, ohne zu übertreiben, eine Erfolgsgeschichte nennen kann.
Leben und Werk des Erich Schairer sind vielfach gewürdigt worden. Er war mit der charakteristischen Färbung durch seine schwäbische Lebensart ein deutscher Demokrat, dem das Wohl und Wehe seiner Nation am Herzen lag und der mit seinem, Verstiegenheit und Übertreibung meidenden, klaren und abgewogenen Urteil ein nachahmenswertes Beispiel für einen verantwortungsvollen, dem Gemeinwohl und der freiheitlichen Demokratie verpflichteten politischen Journalismus geboten hat. Auch heute, wo wir in Sachen Demokratie auf sehr viel bessere Zeiten zurückblicken können, als es dem jungen Schairer in der Weimarer Republik vergönnt war, gibt es gute Gründe, sich seines Beispiels für verantwortungsvollen politischen Journalismus zu erinnern und uns selbstkritisch zu fragen, wie es in unserer anscheinend so gefestigten Demokratie um den politischen Journalismus und seine Qualität bestellt ist. Haben wir nicht heute auch Grund zu fragen, ob der politische Journalismus, für den Schairer in politisch schwierigen Zeiten ein so geradliniger Repräsentant gewesen ist, seinen wichtigen demokratischen Auftrag zureichend erfüllt, oder gibt es nicht in zunehmendem Maße Anzeichen für eine fragwürdige, problematische Entwicklung des zur Zeit in der Bundesrepublik vorherrschenden politischen Journalismus? Manche wähnen ihn sogar in einer Krise. Ich will im folgenden versuchen, dieser aktuellen Fragestellung nachzugehen, so gut ich es vermag.
Zuvor scheint es mir jedoch angebracht, aus dem Werk Erich Schairers einige Thesen zu zitieren, die uns Aufschluss darüber geben, wie er in seiner ungekünstelten, klaren Sprache die Aufgabe und Funktion des politischen Journalismus gesehen hat. Schairer hielt es für die wichtigste Aufgabe einer Zeitung, ihren Lesern "ein möglichst vollständiges und getreues Bild dessen zu vermitteln, was um sie herum und auf der ganzen Welt passiert." Die Leser sollten zu einem selbständigen Urteil über öffentliche Angelegenheiten erzogen werden, keine parteilichen Meinungen im Gestus der Unfehlbarkeit vorgesetzt bekommen. Zeitungen seien gewiß ein Organ, ein Ausdruck der öffentlichen Meinung, aber sie erzeugen diese auch, worin ihre besondere Verantwortung liegt, und es gäbe sogar Situationen, in denen sich eine Zeitung dem vorherrschenden Trend der öffentlichen Meinung entgegenstellen müsse. Schairer hatte übrigens keine allzu hohe Meinung von den wortakrobatischen Intellektuellen, denen er vorwarf, immer alles besser wissen zu wollen. Er war bemüht, auch den einfachen Mann zu erreichen; deshalb legte er großen Wert auf ein klares, unmißverständliches Deutsch, auch wenn er sich keine Illusionen darüber machte, dass man gegen die Dummheit, gerade auch in der Politik, nur schwer ankommt. Er war kein Freund selbstgefälliger politischer Rhetorik, und dementsprechend empfahl er: "Man hüte sich vor Übertreibungen und Superlativen." Natürlich galt ihm als selbstverständliche Maxime, dass der Journalist, ebenso wie der Wissenschaftler, der Wahrheit verpflichtet sei, aber er war sich zugleich bewußt, dass es den sicheren Besitz der Wahrheit gerade in politischen und sozialen Fragen nicht geben kann, bestenfalls Annäherungen an sie. Unabdingbar war für ihn jedoch die nicht nachlassende Bemühung um die Wahrheitsfindung, und für den Journalisten folgte daraus die Bereitschaft, auch unpopuläre und unwillkommene Wahrheiten auszudrücken und zwar in einer Form, die sowohl der Sache wie dem Verständnis des Lesers gerecht wird.
Manch einem mag die Aufzählung dieser einfachen Grundsätze für die Arbeit des politischen Journalisten ziemlich selbstverständlich, ja fast banal erscheinen. Sie werden bei schönen Reden und Diskussionen über das journalistische Berufsethos ja stets gerne vorgetragen. ...

Gewiß ist Politik zunächst das, was die Politiker und ihre Parteien tun oder nicht tun, und das wirkt häufig wie ein unproduktives Durch- und Gegeneinander, doch es ist die Aufgabe eines anspruchvollen politischen Journalismus, sinnvolle, vernünftige Maßstäbe des politischen Urteils zu entwickeln und zu schärfen, die üblichen partei- und verbandspolitischen Polarisierungen zu entschärfen und die Proportionen des Ganzen nicht aus dem Blick zu verlieren. Wenn jedoch z.B. die wenigen Sendungen, die dem Durchschnittsbürger die Politik nahebringen und verständlich machen können, in die Nischen des Fernsehprogramms abgeschoben werden, oder Politiker am liebsten der puren Unterhaltung zu dienen haben, oder sich im lauten Kampf ums Dranbleiben am Mikrofon bewähren müssen, dann gehen Möglichkeiten der politischen Information und Bildung verloren, die gerade dem sogenannten Medienzeitalter gut anstünden.
Trotz dieser berechtigten aktuellen Klagen über die Degeneration und Abwertung des Politischen in gewissen Bereichen des deutschen Fernsehens und der Massenpresse wird man der Medienlandschaft der Bundesrepublik im Ganzen kein schlechtes Zeugnis ausstellen können. Es gibt in vielen Orten dieser Landschaft verantwortlichen, seriösen politischen Journalismus; es gibt den Wettbewerb und die Vielfalt politischer Meinungen und Positionen in der Tages- und Wochenpresse; es gibt wohl begründete politische Urteile in Kommentaren und eingehende Berichte aus den politischen Brennpunkten der Welt bei uns zu hören und zu lesen. Ich zögere deshalb, eine Krise des politischen Journalismus in der Bundesrepublik zu behaupten, wohl wissend, dass es bei einem solchen Thema natürlich darauf ankommt, von welchem Standpunkt aus man die Lage beurteilt. Mein Standpunkt ist zunächst auch der unserer Verfassung. Artikel 5 garantiert das Recht der freien Meinungsäußerung. Dieses ist im wesentlichen gewährleistet. Wir haben eine effektive Pressefreiheit, und die Organe der öffentlichen Meinung unterliegen keiner Zensur. Man kann darin immerhin ein für ein liberales Staatswesen notwendiges Minimum sehen, doch oberhalb dieses Minimalstandards gibt es viele Probleme. Man kann die Konzentrationstendenzen in der Presse für eine Beeinträchtigung der Meinungsvielfalt halten. Man kann Mängel in der Ausgestaltung der inneren Pressefreiheit beklagen, obwohl dies gegenwärtig kein bedrängendes Thema mehr ist, und man kann finden, dass Presse und Fernsehen dem Politischen nicht den Raum und die ernsthafte Aufmerksamkeit schenken, die für das friedliche Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft gut und förderlich wäre.
Ich habe die Frage nach der möglichen Krise des politischen Journalismus nicht aus rhetorischen Gründen gestellt, sondern weil es in der heutigen Mediengesellschaft in der Tat Tendenzen und Entwicklungen gibt, die einem verantwortungsvollen politischen Journalismus in die Quere kommen können. Ich verweise auf folgende Beobachtungen, die zu denken geben: Es gibt im deutschen Journalismus gewiß viele kluge und erfahrene Frauen und Männer, die das Geschäft der genauen und kritschen Beobachtung und Kommentierung der politischen Vorgänge bestens verstehen, aber es fällt auf, dass die großen, allgemein anerkannten und bekannten Persönlichkeiten in der deutschen Publizistik fehlen, bzw. in den Hintergrund treten. Es fehlen Autoren, deren Wort Gewicht hat und allgemein zur Kenntnis genommen wird. An ihre Stelle, so scheint es, sind die Fernsehmoderatoren getreten, die notgedrungen die Politik in kleinen Häppchen und mehr oder weniger sinnigen Übergängen zum nächsten Thema präsentieren. Es häufen sich, auch in den seriös gemeinten Artikeln, die gewollten Effekte, so etwa die Lust an der überpointierenden Zuspitzung und das Spiel mit knalligen Überschriften und dramatischen Beschwörungen. Es fehlt der lange Atem zur eingehenden Betrachtung und abgewogenen Beurteilung. Politik wird inszeniert statt gewissenhaft interpretiert. Die Politiker selbst, deren fuhrende Persönlichkeiten meist zu willigen Objekten der Mediendemokratie geworden sind, versuchen ihrerseits, die Medien für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Sie lassen kein Mikrophon links stehen, wenn sie sich seiner bedienen können, auch wenn sie nicht viel zu sagen haben. Fritz Stern, der diesjährige Friedenspreisträger hat in seiner Frankfurter Rede zu Recht bemerkt: "Die politische Klasse hat viel an Glaubwürdigkeit verloren: Sie reden zu viel und sagen zu wenig." Ähnliches gilt auch für den politischen Journalismus, der an Substanz eingebüßt hat und oft ins Feuilletonistische abdriftet. Nach einem jüngst erschienenen Artikel des Berliner Politikchefs der Süddeutschen Zeitung leidet er an zwei Krankheiten: Kurt Kister nennt die eine die Exklusiveritis, d.h. das Interesse am alleinigen Besitz einer provokanten Meldung, das heutzutage mehr gilt als die erklärende und abwägende Bemühung um die Sache. Die andere Krankheit nennt er, etwas derb, die "Lust am Krakeelen" und vermerkt hierzu: Das heute übliche Instrument der politischen Auseinandersetzung sei nicht mehr die Debatte, sondern der Krawall. Journalisten wie Politiker hätten ein "antagonistisches, auf Kritik als Kontroverse" ausgerichtetes Berufsbild. Dies ist weder gut für die Politik, noch für den Journalismus.
Ich bin sicher, dasss Erich Schairer, der auf die Unabhängigkeit und Distanz des politischen Journalisten von der Politik großen Wert legte, diese hier angesprochenen Tendenzen mit Sorge gesehen hätte. Sie verleiten beide, Journalisten wie Politiker, zur Hektik und zur oberflächlichen Behandlung anstatt zur ernsthaften und eingehenden Beschäftigung mit den Dingen, die zu tun ihnen aufgegeben ist. Es wird, um es in einem kurzen Satz zusammenzufassen, in dieser Mediendemokratie zu viel geredet und zu wenig gesagt, geschweige denn getan.
Dies alles sind freilich eher vage und empirisch ungesicherte Beobachtungen, aber sie deuten immerhin an, dass der politische Journalismus gewisse Wandlungen durchmacht, die seine für die Demokratie notwendige Funktion der Aufklärung, Erklärung, Beurteilung und Kritik schädigen können. Für den politischen Journalisten in einer modernen Demokratie sind zwei Dinge vonnöten: eine solide, durch immer neue Recherchen und Beobachtungen vertiefte Kenntnis des politischen Lebens samt seiner theoretischen Grundlagen und eine Leidenschaft für das Politische, weil in der und durch die Politik entscheidende Fragen des menschenwürdigen Zusammenlebens entschieden werden. Und schreiben muß er natürlich auch können!
In einer vor kurzem veröffentlichten neuen Interpretation von Max Webers berühmten Vortrag aus dem Jahre 1919 "Politik als Beruf, in dem vom "Bohren dicker Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß" die Rede ist, hat Professor Wilhelm Hennis aus Freiburg Webers Leidenschaft als die Fähigkeit zum Enthusiasmus umschrieben und den heutigen Politikern, bei denen es so entsetzlich alltäglich zugehe, ins Stammbuch geschrieben: "Die demokratischen, verfassungsstaatlichen Volksvertretungen haben nur eine Chance, in den Herzen der Bürger fest gegründet zu sein, wenn sie auch für Jubel, Freude, Begeisterung, Stolz oder eben auch für Trauer, Bestürzung den öffentlichen Raum abgeben."(FAZ, 2.10.99)
Das Gleiche gilt auch für den politischen Journalisten in der ihm zukommenden wichtigen Funktion und Aufgabe in der Demokratie. Mögen sich unter den Jungen, die in diese Aufgabe hineinwachsen, genügend aufgeweckte Männer und Frauen finden, die diesen Enthusiasmus zu empfinden vermögen - im Interesse unserer Demokratie und ihrer politischen Kultur. Dann braucht uns um die Zukunft des politischen Journalismus in Deutschland nicht bange zu sein.

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Reinhard Appel

Festvortrag bei der Preisverleihung des ERICH-SCHAIRER-PREISES 1998

Impressionen über Erich Schairer
anläßlich der Verleihung des Journalistenpreises der "Erich Schairer Journalistenhilfe e.V." am 2. November 1998 in Stuttgart/Turmhaus - 17.30 Uhr


Liebe Frau Agathe Kunze-Schairer, sehr geehrte Frau Burger, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

Erich Schairer, der uns hier zusammenführt, ist einmal der "Schwäbische Karl Krauss" genannt worden. Und Karl Krauss sagte stets zu seinen Autoren: "Meine Herren, bleiben Sie persönlich". In diesem Sinn hat mich Veronika Burger gebeten, persönliche Erinnerungen an Erich Schairer zu vermitteln.
In diesen Tagen vor 52 Jahren hielt mich Erich Schairer hier im Turmhaus auf der hinteren Treppe, die zu den Redaktionsräumen der "Stutgarter Zeitung" im zweiten Stock führte, mit einer freundlichen "Halt"-Geste im ersten Stockwerk auf und fragte mich, wo und für wen ich journalistisch arbeite. Ich hatte ihn am Vorabend durch meinen Bruder, Reinhold Appel, der Sportredakteur der "Stuttgarter Zeitung" war, kennengelernt. Mein Bruder war nebenbei auch freier Mitarbeiter der damals in München erscheinenden "Neuen Zeitung" und hatte Anfang Oktober 1946 vom Chefredakteur Hans Habe ein Fernschreiben erhalten, daß der im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß freigesprochene, aber noch unter Polizeiaufsicht stehende ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht nach Württemberg zu seinem Freund Reusch unterwegs sei und die Zeitung erwarte einen Bericht von Schachts erster Reise nach seinem Freispruch. Wenn mein sechs Jahre älterer Bruder journalistische Aufträge nicht selbst erledigen konnte, gab er sie an mich, der ich eigentlich Lehrer werden wollte, weiter. Er wollte meine journalistische Begabung testen. So beauftragte er mich auch an jenem Oktobertag des Jahres 1946, mich an die Fersen von Hjalmar Schacht zu heften, denn der damalige sogenannte "Minister für Befreiung vom Militarismus und Nationalsozialismus", Gottlob Kamm, hatte im württemberg-badischen Landtag erklärt, wenn Schacht jemals württembergischen Boden beträte, werde er ihn aufgrund deutscher Gesetze verhaften lassen.
Nun, um es kurz zu machen, mir war es gelungen, in das Schloß Carolinenhöhe des ehemaligen Ruhrmagnaten Reusch bei Backnang zu gelangen und die Verhaftungsszene durch den Landespolizeipräsidenten mitzuerleben. Nach Stuttgart zurückgekehrt, führte mich mein Bruder sofort zu Erich Schairer, dem ich den gesamten Ablauf einschließlich dem dramatischen Wortwechsel zwischen Schacht und dem Polizeipräsidenten minutiös schilderte. Erich Schairer formulierte daraus den Aufmacher für die Seite eins des nächsten Tages - die "Stuttgarter Zeitung" erschien damals nur dreimal in der Woche -, und diese Exklusivgeschichte wurde von den Agenturen aufgegriffen und ging als Sensationsmeldung nach dem Motto: "Der von den Alliierten freigesprochene Hjalmar Schacht wurde nun von einer deutschen Regierung nach deutschem Recht verhaftet", um die ganze Welt. Die Amerikaner sprachen von einem journalistischen Coup.
Vor diesem Hintergrund fragte mich Erich Schairer auf der Treppe des Turmhauses nach meinem sonstigen Arbeitsplatz. Ich antwortete ihm, daß ich hilfsweise für meinen Bruder als Mitarbeiter der "Neuen Zeitung" tätig sei und überlegte, ein Studium zu beginnen. Ob ich nicht Lust hätte, bei der "Stuttgarter Zeitung" das journalistische Handwerk zu erlernen, fragte er mich. Ich glaube, mir blieb fast das Herz stehen, denn nichts erstrebte ich sehnlicher, als Journalist für eine bedeutende Zeitung zu werden. Wann ich denn anfangen könnte, konkretisierte er sein Angebot. "Von mir aus morgen". "Also dann morgen um 9 Uhr in meinem Büro". Mein Einstellungsdatum bei der Stuttgarter Zeitung ist ein Tag mitten in der Woche, der 13. Oktober 1946.
Das Anfangsgehalt betrug 200,00 Reichsmark im Monat. Erich Schairer wurde mein journalistischer Lehrer, mein Mentor, und weil mein Elternhaus weit weg in Berlin stand, auch eine Art Vaterfigur. Ich konnte jederzeit zu ihm. Ihm verdanke ich unendlich viel. Er hat meine journalistische Einstellung und meinen Berufsweg entscheidend geprägt. 25 Jahre habe ich für die "Stuttgarter Zeitung" gearbeitet, davon allerdings über 22 Jahre in Bonn, wohin ich 1949/50 weggelobt, oder man kann auch sagen, strafversetzt wurde, weil ich dem Herausgeber Josef Eberle - auch in meiner Eigenschaft als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender - zu aufmüpfig geworden war. Erich Schairer tröstete mich mit der Aussicht, in einem halben Jahr vielleicht wieder zurückkehren zu können. Inzwischen sind bald 50 Jahre vergangen, und ich habe den Wechsel nach Bonn nie bereut, denn ich wurde dadurch ein journalistischer Zeitzeuge der Entwicklung der Bundesrepublik: von Adenauer bis Kohl, von Heuß bis Herzog. Aber mit dem Turmhaus hier verbinden mich vielfältige Erlebnisse, Grunderfahrungen in einer Pionierzeit.

Die freundliche Einladung von Frau Burger, anläßlich der Verleihung des Erich-Schairer Journalistenpreises persönliche Erinnerungen an meinen ersten Chef zu vermitteln, habe ich deshalb mit großer Freude und tiefer Dankbarkeit gegenüber meinem früheren Chef angenommen. Daß der Preis die couragierte Meinung in kurzen Kommentaren oder Glossen, die Originalität und sprachliche Klarheit junger Journalistinnen und Journalisten fördern will, schafft eine Brücke zu Erich Schairer, denn er war ein Meister der knappen, Schnörkel losen Sprache, er scheute große Worte, vermied möglichst Substantive und erst recht Superlative. Erich Schairer war ein journalistischer Anwalt für den kleinen Mann. In seiner legendären rebellischen "Sonntagszeitung", die er nach seinem Rausschmiß aus der Neckarzeitung in Heilbronn bewußt ohne Anzeigenabhängigkeit gegründet hatte, führte er dem deutschen Journalismus bis zu Verbot durch die Nazis vor, wie man eine unabhängige Zeitung erhalten und gestalten kann. Für jedermann unter den Lesern, nicht nur für die Gebildeten verständlich zu sein, war ihm ebenso wichtig wie die einmal nachdenkliche, ein andermal schmunzelnde Pointe. Ein Hüter der deutschen Sprache. Als politischer Journalist war er ein scharfsinniger Analytiker sowohl der Vorgänge im Ausland wie der innenpolitischen Entwicklungen, die er aus den Erfahrungen der Weimarer Zeit und des Hitlerstaates beurteilte. Als studierter Theologe, der aus dem Kirchendienst ausgetreten war, verfolgte er mit kritischer Aufmerksamkeit die Aktivitäten der Kirchen, aber er, den man vielleicht einen liberalen Gerechtigkeitssozialisten nennen könnte, hatte vor allem auch einen wachen Sinn für das Alltägliche, für die Leiden und Freuden, für Menschliches und Allzumenschliches der sogenannten einfachen Leute, und er hielt ihnen milde und weise den Spiegel vor und stärkte gleichzeitig ihr Selbstbewußtsein. Den Mächtigen im Staat und der Gesellschaft las er dagegen ziemlich schonungslos die Leviten, wenn er Kritikwürdiges entdeckte.
Uns jungen Journalisten flößte er immer wieder ein, sich von keiner Partei oder Ideologie einfangen oder von "hohen Tieren" einschüchtern zu lassen.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit, als die Wunden des Krieges noch schmerzten, Hunger und Wohnungsnot herrschten, die Zukunftserwartungen düster waren, die Besatzungsmacht im Hintergrund regierte, eine bürokratisierte Entnazifizierung praktiziert wurde, wollten die meisten Menschen von der Politik nichts wissen, und sie standen auch der Demokratie eher abwartend und skeptisch gegenüber. In dieser Stimmungslage erwarb sich die "Stuttgarter Zeitung" den Ruf eines radikal-demokratisehen Oppositionsblattes, und Erich Schairer warb für die parlamentarische Demokratie!
Unvergeßlich ist mir in diesem Zusammenhang jener Tag, an dem vom "Parlamentarischen Rat" zur Ausarbeitung des Bonner Grundgesetzes beschlossen wurde, daß die Nationalfarben der Revolution von 1848, Schwarz-Rot-Gold, auch die Farben der Nachkriegsrepublik sein sollten. Schairer ließ eine Fahne nähen, und in einer kleinen Feierstunde auf dem Dach des Turmhauses, an der ich teilnahm, wurde die Fahne der neuen Republik gehißt. Unter den drei Herausgebern (außer ihm Josef Eberle und Franz Karl Maier) war Erich Schairer unser politischer Chef.
Unter seiner Verantwortung, für den die Volksherrschaft in der Demokratie nicht nur eine Leerformel war, konnte ich Machenschaften bei der Entnazifizierung in der Stuttgarter Staatskanzlei aufdecken, einigen ehemaligen schwäbischen Reichstagsabgeordneten der Liberalen und des christlichen Volksdienstes öffentlich vorhalten, daß sie am 21. März 1933 dem Ermächtigungsgesetz für Hitler zugestimmt hatten - darunter Ministerpräsident Reinhold Maier, Kultusminister Simpfendörfer und der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuß - und sich damit zum Steigbügelhalter einer Legitimation des Nazidiktators mißbrauchen ließen. Und mit noch manch anderen Geschichten konnte ich furchtlos journalistische Unabhängigkeit und öffentliche demokratische Kontrolle praktizieren, weil mein journalistischer Schutzherr Erich Schairer nicht nur vor und hinter mir stand, sondern mich ständig ermunterte, in meinem Kritikbewußtsein nicht nachzulassen.
Eine Episode, die ich mit Theodor Heuß erlebte, paßt in diese Erinnerung: Erich Schairer hatte mich vom ersten Tag an als politischen Reporter eingesetzt und in dieser Funktion hatte ich zunächst über die von den Amerikanern berufene verfassungsgebende Landesversammlung, dann über den 1946 erstmals frei gewählten Landtag von Württemberg-Baden zu berichten, dem auch der spätere Bundespräsident Theodor Heuß als Abgeordneter der Demokratischen Volkspartei (DVP) angehörte. In einer, wie immer brillanten, aber schwer wiederzugebenden Rede vor dem Landtag hatte Heuß zum Haushaltsplan den damals sensationellen Vorschlag gemacht, den ehemaligen Berufssoldaten eine Pension zu gewähren. Angesichts des immer noch weitverbreiteten Flüchtlingselends, der Not und der Trümmer durch die Kriegsfolgen erschien mir der Vorschlag nicht gerade sehr situationsgerecht und jedenfalls so verblüffend, daß ich in meinem Landtagsbericht, für den nicht beliebig viel Platz zur Verfügung stand, von der umfangreichen Heuß-Rede, besonders seinen Vorschlag für die Wehrmachtspensionen als besonders bemerkenswert registrierte. Die Folge war ein wütender Protest vom Heuß bei Schairer, aber Schairer ließ sich auch nicht vom ehemaligen Kultusminister des Landes, den er freilich aus der Weimarer Zeit ziemlich genau kannte, aus der Ruhe bringen. Er ließ sich von mir das Sitzungsprotokoll des Landtages zeigen, erklärte sich mit meinem Bericht auch nachträglich einverstanden und gab mir den Rat, mich niemals durch hohe Herren einschüchtern zu lassen. Theodor Heuß erhielt einen entsprechend abweisenden Bescheid.
Wenn ich später in Bonn den Kanzlern und Bundespräsidenten, den Ministern und Abgeordneten als Zeitungs-, Hörfunk- oder Fernsehjournalist ziemlich unbefangen und freimütig kritisch gegenübergetreten bin, dann ist das auch das Ergebnis der Erziehung von Erich Schairer gewesen, und mit dem ich natürlich auch meine Kontroversen hatte. Einmal hatte er mich in sein Haus am Bodensee eingeladen und in der privaten Atmosphäre kamen wir auch über die Religion auf Maria, der Mutter Jesus, zu sprechen und er, der Kirchenflüchtling, geißelte das katholische Mariendogma als eine unglaubliche Legende und ich, der Diasporakatholik aus Berlin, verteidigte meinen Kinderglauben mit Vehemenz und sagte ihm selbstbewußt und trotzig, ich lasse mich in diesem Punkt nicht beirren und werde eher für ihn beten als meinen Glauben aufgeben. Natürlich hatte ich dann auch die Sorge, ob ich nach diesem Bekenntnis in seiner Gunst sinken werde. Aber das war halt auch typisch für ihn, daß er damals zwar einerseits über mich und meine Gläubigkeit und Katholizität gelächelt haben mag, aber was ihn möglicherweise gleichzeitig beeindruckte, war mein Festhalten an einer Überzeugung, meine Widerspruchskraft auch ihm gegenüber, meinem Chef.

Meine katholische Erziehung und seine Distanz zur Kirche und seine Forderung der Trennung von Kirche und Staat prallten noch einmal indirekt aufeinander, als ich Ende 1949 an ihn das Ansinnen stellte, zur Eröffnung des "Heiligen Jahres" für die Stuttgarter Zeitung nach Rom zu reisen. "Wenn Sie zum Papst wollen, dann ist das Ihre Privatsache, Sie können ja Urlaub nehmen", sagte mir der Chef. "Es sei denn", fügte er verschmitzt hinzu, "Sie bringen ein Interview mit dem Papst mit, dann können wir hinterher über die Reisekosten reden." Wahrscheinlich nahm er an, die Zielvorgabe sei mit der Ersteigung des Mount Everest zu vergleichen und deshalb in das Reich der Utopie zu verweisen. Ich ließ mich aber nicht entmutigen, und es ist auch eine längere Geschichte, - für Interessierte erzähle ich sie gern beim anschließenden Wein - aber sie endete tatsächlich mit einem Gespräch, das ich mit Pius XII, dem deutschen Papst, im Vatikan führte und in der "Stuttgarter Zeitung" veröffentlichte. Als Nuntius Pacelli war Pius XII 1928 beim Stuttgarter Katholikentag auch in der Villa Reitzenstein, was mich bewog, Ministerpräsent Reinhold Maier um eine Grußadresse zu bitten. Im Vatikan staunte man, von einem Freimaurer wie Reinhold Maier einen Dankgruß zu erhalten und so war ich zu meinem Interview gekommen. Erich Schairer erstattete mir daraufhin nicht nur die Reisespesen, sondern wies mir sogar ein Sonderhonorar an. Es war eine kreative Zeit, und ich empfinde es als ein großes Glück, daß mir damals durch Erich Schairer diese großartige Chance geboten wurde. Erich Schairer, das wollte ich Ihnen heute als ein Zeitzeuge und einer seiner Schüler nahebringen, war ein vorbildlicher Journalist und eine außerordentliche Persönlichkeit, unbeugsam, aufklärerisch, sozialistisch und liberal zugleich, demokratisch bis auf die Knochen, pazifistisch, paneuropäisch, antiklerikal, aber die Bibel als eine unerschöpfliche Fundgrube schätzend, auch kauzig, den Wein liebend, aber ein disziplinierter Arbeiter, ein Visionär, dessen politischen Leitartikel man heute noch mit Gewinn lesen kann, ein warmherziger, mitfühlender Mitbürger, von dem ich gern wüßte, wie er die heutigen Zeitläufte bissig und souverän beschreiben würde. (Wie er sich z.B. zu "Viagra", zu Schröders vier Frauen, zu Lafontaine oder zu dem beachtlichen Erfolg des Dalai-Lama in Deutschland äußern würde.) Schairer scheute kein Thema, und seine umfassende Bildung erlaubte es ihm, zu vielen Themen gescheite Kommentare zu formulieren.
Wer sich mit Erich Schairers hinterlassenem journalistischen Gesamtwerk näher beschäftigt, das auch Tucholski in der "Weltbühne" beeindruckte, der findet vielleicht den Schlüssel zu der Erkenntnis, welche Verhaltensweisen und Vorsaussetzungen gegeben sein müssen, um journalistische Unabhängigkeit, Meinungsmut und sprachliche Vermittlungsfähigkeit zu erreichen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und ich wünsche vielen jungen Kolleginnen und Kollegen einen Chef wie Erich Schairer.
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