Erich Schairer Journalistenhilfe e.V.






Preisverleihung 2011
21. November 2011
Linden-Museum Stuttgart
Wanner-Saal

Festvortrag von Prof. Dr. B. Pörksen,
Institut für Medienwissenschaft, Universität Tübingen





14. Preisverleihung 2011 im Linden-Museum
v.l.n.r.: Daniel Völpel (1. Preis), Rafael Binkowski (2. Preis), Kai Müller (3. Preis)
Sibylle Krause-Burger, Prof. B. Pörksen, Veronika Burger



















Traueranzeige, A. Kunze

15. 1. 1917 - 15. 6. 2010
















 

Links zu Heribert Prantl:
Theodor-Wolff-Preis 2001
Wikipedia
Heribert Prantl



















Aus Anlaß des 50. Todestages von Erich Schairer


Martin Hohnecker:

„Tapfer mit Feder und Geist“
Zur Erinnerung an Erich Schairer, den StZ-Herausgeber und Streiter für die Meinungsfreiheit

Oft gedenken Journalisten großer Politiker und Denker, selten ihrer eigenen beruflichen Vorfahren - leider. Heute gibt der 50. Todestag des mutigen Publizisten Erich Schairer Anlass zum Erinnern. Denn Schairer eignet sich zumindest in zwei Punkten noch heute als Vorbild: in seinem Mut vor Herrscherthronen – und in seinem pfleglichem Umgang mit der Sprache.

Erich Schairer, als Lehrersohn 1887 in Hemmingen im Strohgäu geboren, hatte sein journalistisch prägendes Erlebnis im Herbst 1919, als verantwortlicher Redakteur der Heilbronner Neckarzeitung. Einem Artikel über die Vernehmung eines ehemals kaiserlichen Staatssekretärs stellte er einen scharfen Kommentar voran. Diese couragierte Meinungsäußerung missfiel seinem Verleger; weshalb er den Kommentar nachts aus der Druckplatte tilgen ließ. Die Folge: die Zeitung erschien mit einem weißen Fleck – und Schairer kündigte auf der Stelle.

Dies war, nebenbei, nicht seine erste Kündigung. Acht Jahre zuvor hatte er, der Tübinger Stiftler und junge Vikar, der Evangelischen Kirche Pfarr- und Predigtamt zurückgegeben, weil er die so genannten „Heilstatsachen“ von der jungfräulichen Empfängnis Mariens bis zur Verwandlung von Brot und Wein beim Abendmahl nicht mehr verkünden wollte. Fortan nannte er sich „gottlos“ und schlug die journalistische Laufbahn ein, erst in Berlin als Nachfolger von Theodor Heuss bei Friedrich Naumanns liberaler Zeitschrift „Die Hilfe“, später bei anderen Blättern.

Nun also stand er, Vater mehrere Kinder, auf der Straße – und erfüllte sich einen Traum: Er gründete die „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, die er später als „Sonntags-Zeitung“ nach Stuttgart überführte. Diese Wochenzeitung hatte drei Ziele: Sie opponierte gegen „Kirchentum, Kapitalismus, Kriegs- und Gewaltherrschaft“, kämpfte für „Geistesfreiheit, Gemeinwirtschaft, Gerechtigkeit und Frieden“. Und sie wollte, ihrer Unabhängigkeit wegen, schon bald ohne Anzeigen auskommen.

Dieser „mutige Versuch, journalistische Unabhängigkeit zu bewahren“, wie Gordon A. Craig es nannte, stieß nicht nur bei Kurt Tucholsky auf Bewunderung. Sie fand Anhänger und bis zu 8000 Abonnenten. Und sie provozierte die unerbittliche Feindschaft aller reaktionären Geister, vor allem der Nationalsozialisten. Dies war schon deshalb kein Wunder, weil Schairer und seine Mitstreiter kein gutes Haupt- und Barthaar an Adolf Hitler ließen und ihn als Reinkarnation des größenwahnsinnigen letzten Kaisers karikierten: „ Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm II. und Hitler“. Und: „Kann es mit der Herrlichkeit des dritten Reiches ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?“ Auf die Machtergreifung Hitlers reagierte Schairer im Februar 1933 mit dem lapidaren Hinweis: „Eine Fastnachtsnummer erscheint dieses Jahr nicht.“

Die logische Folge war ein wiederholtes Erscheinungsverbot für die „staatsfeindliche“ Sonntags-Zeitung. Schairer durfte sich zunächst nicht mehr zu politischen Themen äußern, 1937 bekam er Berufs- und Schreibverbot. Sein Blatt musste er abgeben. Die Hitlerei überlebte er als Weinvertreter und zuletzt als dienstverpflichteter Fahrdienstleiter am Bahnhof von Lindau/Bodensee.

Auch tausend Jahre Nazi-Herrschaft konnten Schairers demokratische und publizistische Kraft nicht beugen. Gleich nach Kriegsende übernahm er die Leitung der „Schwäbischen Chronik“ in Tübingen, 1946 wurde er Mitherausgeber der jungen Stuttgarter Zeitung. Seinen Kompagnon, Josef Eberle, kannte er seit 1926. Seit damals hatte Eberle unter verschiedenen Pseudonymen satirische Beiträge für die Sonntags-Zeitung geschrieben und sich damit 1933 ein Schreibverbot der Nazis eingehandelt.

Nun versuchten die beiden, ihr Verständnis von sozialer Politik und freier Meinung im zerstörten Nachkriegsdeutschland umzusetzen – Eberle zunehmend in lateinischer Tonart, Schairer aber in kernigem Deutsch, das er auch seinen Redakteuren mahnend anempfahl. An deutlichen Kommentaren ließ er es nicht fehlen. Als sich die Öffentlichkeit Sorgen darum machte, die eingesperrten deutschen Kriegsverbrecher könnten sich in der Nürnberger Haft umbringen, empfahl er, den Delinquenten, nach chinesischen Muster, lieber die seidene Schnur auszuhändigen und so kurzen Prozess zu machen. Leser schickten ihm danach Fahrkarten „Nach Winnenden – Rückfahrt ausgeschlossen, da hoffnungsloser Fall.“

Schairer ist am 3. August 1956 gestorben; auf dem Stuttgarter Waldfriedhof fand er seine letzte Ruhestätte. Seine Texte, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert geschrieben, lesen sich noch heute frisch und bewegend. Dass er bei der Stuttgarter Zeitung den Anstoß dafür gegeben hat, das wertvolle Cotta-Verlagsarchiv zu erwerben und es dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu stiften, gehört zu den untilgbaren Verdiensten dieses schöpferischen Rebellen, dem Josef Eberle nachrief: „Tapfer mit Feder und Geist, standhaft als Freund und als Mensch.“

Dieser Beitrag von Martin Hohnecker ist erschienen im DJV Blickpunkt, August 2006.